Winternacht
Teil 2

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Als er ängst­lich aus sei­ner Haus­tü­re schritt, fand er die Stra­ße, seit­dem er sie vor etwa einer Woche das letz­te Mal gese­hen hat­te, ver­än­dert vor. Im Neon­schum­mer der Later­nen lagen zwi­schen den gepark­ten Autos grau­schwar­ze Ber­ge von gefro­re­nem Alt­schnee. Der Bür­ger­steig war auf sei­ner gesam­ten Län­ge – offen­bar war der Win­ter­dienst vor Tagen ein­ge­stellt wor­den – mit zer­klüf­te­ten, gelb­li­chen Eis­plat­ten bedeckt. Es war eine die­ser fros­ti­gen, ster­nen­kla­ren Näch­te, die J. eigent­lich lieb­te. Und genau­ge­nom­men war es ihm auch jetzt, als beleb­te ihn die­se schwar­ze Win­ter­sze­ne, die­se fun­keln­de Dun­kel­heit, mit ihrem gedämpf­ten, kal­ten Klang.

Abge­se­hen vom übli­chen lei­sen Hin­ter­grund­rau­schen der Stadt war nichts zu hören. Die Stra­ße war augen­schein­lich von Men­schen leer. J. atme­te tief ein. Rei­ner Sauer­stoff, dach­te er. Er rieb sich die Augen, in die ein eisi­ger Wind Trä­nen hin­ein­ge­trie­ben hat­te, und blick­te hin­auf zum Nacht­him­mel. Für einen Moment über­kam ihn tie­fe Schwer­mut. Ein Seuf­zer ent­wich ihm – die Ent­täu­schung hat­te ihn unvor­be­rei­tet getrof­fen. Dort, wo die Ster­ne in sel­ten hol­der Bril­lanz glit­zern muss­ten, sah er nur dif­fu­se, mat­schi­ge Tup­fer. Bei sei­nem has­ti­gen Auf­bruch hat­te er die Bril­le in der Woh­nung lie­gen­ge­las­sen. Licht­jah­re, unvor­stell­ba­re Ent­fer­nun­gen war die­ses Licht gereist, um nun, auf den letz­ten Mil­li­me­tern, in sei­nen ver­küm­mer­ten, behin­der­ten Aug­äp­feln zu ersterben. Der Schau­der über die ihm zuge­dach­te, womög­lich undank­bars­te Rol­le im Uni­ver­sum ließ J. erzit­tern. Oder war es die Käl­te, die in sei­nen Kör­per hin­ein­kroch? Neben sei­ner Bril­le ver­miss­te er hier unten, wie er jetzt schmerz­lich gewahr wur­de, sei­ne Handschuhe.

Aber es kam nicht infra­ge noch ein­mal hin­auf­zu­ge­hen, um die feh­len­den Uten­si­li­en ein­zu­sam­meln. Es wäre zu kräf­te­zeh­rend. Es wäre ein zu her­ber Rück­schlag. Schon das Anzie­hen, das Her­aus­su­chen eini­ger­ma­ßen unauf­fäl­lig rie­chen­der Klei­dung hat­te ihn an sei­ne kör­per­li­chen Gren­zen geführt. Als er eine Vier­tel­stun­de lang sein Porte­mon­naie hat­te suchen müs­sen, wäre ihm bei­na­he schwarz vor den Augen gewor­den. Meh­re­re Sitz- und Atem­pau­sen hat­te er ein­le­gen müs­sen, bis er schließ­lich, einer unver­hoff­ten Ein­ge­bung fol­gend, das win­zi­ge Leder­stück unter sei­nem durch­ge­le­ge­nen Kopf­kis­sen her­vor­ge­zo­gen hat­te. Es steck­te tat­säch­lich noch aus­rei­chend Geld darin.

Frös­telnd ver­barg J. die Hän­de in sei­nem Par­ka. Gera­de war er im Begriff, die ers­ten Geh­ver­su­che auf dem ver­eis­ten Pflas­ter zu wagen, als die Stil­le plötz­lich unter­bro­chen wur­de. Hek­tisch tele­fo­nie­rend, hoch gestie­felt, eng behost und in eine tail­lier­te Dau­nen­ja­cke ein­ge­mum­melt, stapf­te eine viel­leicht 22-jäh­ri­ge Stu­den­tin eilends an ihm vor­bei und ver­brei­te­te dabei unge­heu­re Unru­he. Außer­dem ver­ström­te sie einen inten­si­ven, betö­rend zu nen­nen­den Duft. Sie stieß, indem sie fort­wäh­rend plap­per­te und kicher­te, lau­ter klei­ne blaue Wölk­chen aus. Vor allem kicher­te sie – und ihr Kichern schien zuzu­neh­men. Wie sie so auf­recht geschäf­tig dahin­eil­te, wirk­te sie völ­lig arg­los und unver­letz­bar, so, als kön­ne nie­mand ihr etwas anha­ben in die­ser schwar­zen Nacht, dach­te J. Als wäre es nicht etwa für ihn ein Leich­tes, die Zier­li­che genau jetzt, in die­sem Augen­blick, mit einem geziel­ten Hand­griff zu packen und gier­schnau­bend in den Haus­flur zu zer­ren. Aus ihrem Geba­ren sprach die ganz natür­li­che Unbe­darft­heit derer, die nie in die Abgrün­de der mensch­li­chen See­le geblickt haben, viel­leicht instink­tiv nie hin­ein­bli­cken woll­ten, sprach ein Welt­ver­trau­en, um das J. sie aus den tiefs­ten Nie­de­run­gen sei­nes schwach pochen­den Her­zens beneidete.

Sie plap­per­te und kicher­te noch, als sie hin­ter der Häu­ser­ecke ver­schwand. Nach­denk­lich hat­te J. ihrem ide­al­ge­form­ten Jeans-Po hin­ter­her gese­hen. Es war nicht aus­zu­schlie­ßen, dass das Kichern ihm galt (das war nie aus­zu­schlie­ßen) und dass er also soeben ver­spot­tet wor­den war, auf offe­ner Stra­ße, am Tele­fon, von die­ser jun­gen Unbe­kann­ten, die er liebte.

J. senk­te den Kopf, wäh­rend sein Ver­stand wei­ter damit aus­ge­las­tet war, die Begeg­nung nach­zu­be­rei­ten. Dann begann er sei­ner­seits über die firn­haf­ten Schol­len zu stap­fen. Ein Gefühl der Nost­al­gie fiel ihn an bei dem kör­nig-knir­schen­den Gang; es war eine Erin­ne­rung aus frü­hen Kin­der­ta­gen, glei­cher­ma­ßen glück­lich und ent­setz­lich fern. Beklom­men schlug er die Rich­tung ein, die die Stu­den­tin genom­men hat­te, folg­te eini­ge Meter ihrer unsicht­ba­ren Schlep­pe aus Wohl­ge­ruch, ging jedoch an der Ecke gera­de­aus und über­quer­te die Stra­ße, die zu sei­nem bevor­zug­ten Ein­kaufs­la­den führ­te, aus dem auch jene Tüte vol­ler Lebens­mit­tel stamm­te, die im Flur sei­ner Woh­nung ver­rot­te­te. Er blick­te in die Quer­stra­ße, erahn­te hin­ten das erlo­sche­ne Wer­be­schild des Super­mark­tes, das wie ein gro­ßer schwar­zer Grab­stein vom Park­platz ragte.

Wie vie­le unzäh­li­ge Male hat­te er den Weg dort­hin zurück­ge­legt, über­leg­te J. im Wei­ter­ge­hen. Hat­te von dort vol­le Ein­kaufs­tü­ten nach hau­se gewuch­tet, um ein paar Tage lang damit beschäf­tigt zu sein, ihren Inhalt auf­zu­zeh­ren, um danach aufs Neue zwi­schen Rega­len umher­zu­ir­ren, neue Tüten zu fül­len, her­über­zu­tra­gen, auch deren Inhalt zu ver­schlin­gen, um wie­der, immer wie­der Tüten voll­zu­stop­fen, her­an­zu­schlep­pen und ihre Ladung in sei­nen nim­mer­sat­ten Orga­nis­mus zu kip­pen, auf dass der sie in Exkre­ment ver­wan­deln, in die Kana­li­sa­ti­on abko­ten wür­de, nur für einen hei­li­gen Zweck: Platz für die nächs­te Ein­kaufs­tü­te zu schaffen.

Er zog die Stirn in Fal­ten und schüt­tel­te unwill­kür­lich den Kopf, wie stets, wenn er ins Phi­lo­so­phie­ren geriet. Woher kam bloß die Ener­gie, die Men­schen für ihr appa­rat­haf­tes, zutiefst ver­geb­li­ches Sein auf­zu­brin­gen ver­moch­ten? Wel­cher kran­ke Geist hat­te sich das alles bloß aus­ge­dacht? Wozu? Fra­gen, deren Beant­wor­tung nun frei­lich auf­ge­scho­ben wer­den muss­te, denn J. war an sei­nem Ziel ange­langt. Erst jetzt, da er vor dem Lokal stand, merk­te er, dass der Weg sei­nem Kör­per doch zu schaf­fen gemacht hat­te. Sei­ne Glied­ma­ßen zit­ter­ten vor Käl­te und Erschöp­fung und es ent­lud sich ein kur­zer hef­ti­ger Hus­ten­an­fall mit Aus­wurf. J. nahm sich einen Moment Zeit, keu­chend, atmend, Kräf­te sam­melnd, dann trat er in den mit sum­men­den Ener­gie­spar­röh­ren tag­hell aus­ge­leuch­te­ten Innenraum.

Hin­ter dem Tre­sen lie­fen fünf oder sechs Män­ner in blau­en Polo­hem­den und schwar­zen Jeans umher und ver­rich­te­ten mit erns­ten Gesich­tern ihre berufs­ty­pi­schen Hand­lun­gen. Obwohl kein gro­ßer Andrang herrsch­te (genau­ge­nom­men war J. der Ers­te an der Rei­he), ver­ging eine Wei­le bis sich einer der Män­ner ihm zuwand­te, um mit aggres­si­vem Blick sei­ne Bestel­lung auf­zu­neh­men. J. sprach den Satz aus, den er sich vor­her zurecht­ge­legt hat­te. Im Hin­ter­grund griff sodann ein ande­rer der Män­ner, der wohl mit­ge­hört hat­te, zum elek­tri­schen Mes­ser, um damit Stü­cke von dem ewig sich dre­hen­den Fleisch­krei­sel abzu­scha­ben. Die Fet­zen fing er mit einer Hand­schau­fel auf und füll­te sie mit pro­fes­sio­nel­ler Ges­te in ein geöff­ne­tes Fla­den­brot. Damit schritt der Mann zur Salat­the­ke, wo er sei­ne bis dahin flie­ßend wir­ken­de Bewe­gung jäh abbrach, nur unge­fähr in Rich­tung J.s auf­blick­te und etwas voll­kom­men Unver­ständ­li­ches mur­mel­te. Halb wis­send, halb schät­zend ant­wor­te­te J. etwas ent­spre­chen­des, wor­auf der Mann stumm in sei­ner Rou­ti­ne fort­fuhr und das Gericht fer­tig­stell­te. J. bezahl­te bei einem drit­ten Mann, der über die Bestel­lung eben­falls bes­tens bescheid wuss­te und außer­dem, was J. ungleich mehr befrem­de­te, beim Abrech­nen sang. Er sang und deu­te­te einen Tanz an, indem er sich rhyth­misch zu jener in Kas­ka­den heu­len­den, wum­mern­den Pop­mu­sik frem­der Gat­tung beweg­te, die zum abwei­sen­den Inven­tar des Lokals dazu­ge­hör­te. Die demons­tra­ti­ve Locker­heit des Kas­sie­rers konn­te nur als Pro­vo­ka­ti­on gegen­über dem Kun­den gemeint gewe­sen sein. Den­noch schick­te die­ser, unver­min­dert höf­lich, deut­li­che Dan­kes- und Abschieds­wor­te über den Tre­sen, als er sei­nen in Alu­fo­lie gewi­ckel­ten Döner in einer Plas­tik­tü­te ent­ge­gen­nahm. Er war­te­te noch eine Sekun­de auf eine Erwi­de­rung; dann dreh­te sich J. um und ver­ließ das Restaurant.

Er schlug den­sel­ben Weg ein, den er her­ge­kom­men war. Wie­der schlepp­te er eine Plas­tik­tü­te nach hau­se, aber dies­mal stieg Wär­me her­aus und ein wohl­be­kannt pene­tran­ter, son­der­bar ver­hei­ßungs­vol­ler Geruch. J. beschleu­nig­te sei­ne Schrit­te. Er kon­zen­trier­te sich auf das Heim­kom­men, mal­te sich aus, wie er dem Hun­ger­tod ein wei­te­res Mal ein Schnipp­chen schla­gen wür­de. Wür­de er eine Gabel ver­wen­den und einen Tel­ler? J. beschloss, dass für bei­des heu­te der Tag war. König­lich wür­de er spei­sen. An der Haus­tür ange­kom­men, griff er mit zitt­ri­gen Fin­gern nach dem Schlüs­sel in sei­ner Hosentasche.

J. hielt inne. Regungs­los, die Hand noch immer kral­len­haft in der Hosen­ta­sche geöff­net, hör­te er tief in sich hin­ein, um sei­ne Emp­fin­dung zu deu­ten. Aber es war ver­ge­bens. Da war nichts – kei­ne Wut, kein Ärger, kei­ne Trau­er. Lei­se und gleich­mä­ßig ging sein Atem, nichts wies auf einen sich anbah­nen­den cho­le­ri­schen Anfall. Es war nur Lee­re in ihm. Er war bar jeder Emp­fin­dung, wie sei­ne Hosen­ta­sche bar jedes Haus­tür­schlüs­sels war. Er war erloschen.

Dann sank er zu Boden, lang­sam aber unab­wend­bar, als wür­de eine papie­re­ne Hül­le in sich zusam­men­fal­len. Er lag auf den eis­glat­ten Stu­fen. Mit letz­ter Kraft grapsch­te er die Tüte, riss die Alu­fo­lie auf und stopf­te den Döner in sich hin­ein. Schwei­ni­sche Grunz- und Schmatz­lau­te dran­gen hin­aus in die Stil­le der Win­ter­nacht. Schnell hat­ten sich die künst­li­chen Aro­ma­stof­fe in sei­nem Mund aus­ge­brei­tet und dafür gesorgt, dass J. für einen kur­zen Moment Glück emp­fand. Bin­nen einer Minu­te hat­te er sein Mahl hin­un­ter geschlun­gen. Um zu trin­ken griff er in einem nahen Gebüsch nach Schnee. Das Getränk leg­te sich wie Pelz auf sei­ne Zun­ge. Es schmeck­te nach Salz und Dreck. Pas­send, dach­te J. Vor sei­nem geis­ti­gen Auge betrach­te­te er die Sze­ne­rie von außen; er sah sich als ein räu­di­ges Tier dalie­gen, röchelnd, bebend, die Schnau­ze bis zum Anschlag in fett­ver­schmier­tem Abfall und bepiss­tem Schnee vergraben.

Mit einem Lächeln schlief er auf der Stel­le ein.

(Fort­set­zung folgt möglicherweise)