Winternacht

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Zu sei­ner Ernüch­te­rung wach­te J. am nächs­ten Tag auf. Es war 13 Uhr, er hat­te elf Stun­den geschla­fen. Drau­ßen war es kalt und grell. Das Weiß vom Schnee brach wie eine Gift­wol­ke durchs Fens­ter und erhell­te den gan­zen Raum. Mehr als sonst war es J., als sei ihm die Fähig­keit abhan­den gekom­men, Far­ben zu unter­schei­den. Die Far­ben sei­nes Zim­mers waren voll­stän­dig ersetzt durch grün­sti­chi­ges, absto­ßen­des Schwarz­weiß. Licht einer patho­lo­gi­schen Abtei­lung. Mit schar­fer Prä­zi­si­on bestrahl­te es die Details sei­ner Umge­bung. Das ver­krus­te­te, seit Wochen mie­fen­de Geschirr. Die Spinn­web­klum­pen an den Wän­den. Die über­all ver­teil­ten Essens­res­te. Die Haar- und Staub­ge­wöl­le am Fuß­bo­den, die sich zwi­schen Abfäl­len, beko­te­ten Unter­ho­sen und Stin­ke­so­cken ball­ten. All das schien nicht eben der Mühe wert, auf­zu­ste­hen. Er schloss die Augen wie­der, wälz­te sich auf die Sei­te und schlief, mit Unter­bre­chun­gen, vier wei­te­re Stunden.

Als es ihm nach noch zwei wei­te­ren Stun­den des schmerz­haft grüb­le­ri­schen Wach­lie­gens über­ra­schend gelang, sich in die Ver­ti­ka­le auf­zu­rich­ten, war es längst dun­kel. Er stand neben dem Bett. Sein Stand war unsi­cher, er schwank­te, er hat­te seit knapp zwei Tagen nicht geges­sen und kaum getrun­ken. Win­zi­ge wei­ße Fun­ken glimm­ten einen Moment lang durch sein Sicht­feld. Auch hier drin­nen war es kalt – käl­ter als befürch­tet. Er bemerk­te einen dump­fen Schmerz im Mund, eine Ver­span­nung im hin­te­ren Kie­fer­be­reich. Ver­mut­lich hat­te er sei­ne Zäh­ne im Schlaf zu lan­ge zu fest zusammengepresst.

Ange­sichts ver­schie­de­ner Klei­der­hau­fen, Taschen, Kar­tons und ande­rer sper­ri­ger Gegen­stän­de, die vor ihm auf dem Boden einen Hin­der­nis­par­cours bil­de­ten, nahm J. einen kom­pli­zier­ten Umweg vom Bett zur Tür, der es ihm erlaub­te, nicht schrei­ten zu müs­sen. Im Flur trat er in eine mit ver­ges­se­nen Ein­käu­fen noch prall gefüll­te Plas­tik­tü­te. Irgend­et­was Wei­ches zer­platz­te nass unter sei­nem Fuß. Ein Schwarm Frucht­flie­gen erhob sich und schwirr­te aus­ein­an­der. Nach­her, wenn er die Kraft auf­brin­gen wür­de, sich zu bücken, wür­de er nach­se­hen, wel­che Schät­ze in die­ser Ein­kaufs­tü­te ver­bor­gen lagen. Er stol­per­te ins Bade­zim­mer, stütz­te sich mit bei­den Hän­den auf den Wasch­be­cken­rand und atme­te schwer ab. Dann, zag­haft, hob er den Kopf, als wür­de er sich über ein stren­ges Ver­bot hin­weg­set­zen, und rich­te­te sei­nen Blick zum Spie­gel, wor­in das kli­ni­sche Flir­ren der Ener­gie­spar­röh­re ein über­aus rea­lis­ti­sches Abbild sei­nes grob­po­ri­gen Gesichts zeichnete.

Es war ein all­zu alt­be­kann­tes Bild. Wie üblich, wenn er sich unge­fähr eine Woche weder rasiert noch gewa­schen hat­te, war der Haut­zu­stand im All­ge­mei­nen recht zufrie­den­stel­lend. Die weni­gen Haut­ir­ri­ta­tio­nen, Juckun­gen und Schup­pun­gen beschränk­ten sich über­wie­gend auf den mit lan­gen Bart­stop­peln ver­un­zier­ten Bereich um den Mund. Außer­dem ver­teil­ten sich vier gel­be Pickel, punk­tu­ell abso­lut begrenzt, auf Stirn, rech­tem Nasen­flü­gel sowie, nahe­zu sym­me­trisch, auf bei­den Schlä­fen. Der­art reif, berei­te­te es ihm kei­ne Schwie­rig­kei­ten, die Pickel zu ern­ten. Ihren Inhalt dezent auf der Spie­gel­flä­che auf­klin­gen zu hören, dach­te J., war womög­lich das letz­te ech­te Wohl­ge­fühl, das er noch wahr­zu­neh­men im Stan­de war.

Auf die so behan­del­ten Stel­len klatsch­te er zur Des­in­fek­ti­on ein paar Trop­fen Rasier­was­ser. Er stell­te das Fläsch­chen, das stets unver­schlos­sen blieb, zurück, senk­te nach die­sen Anstren­gun­gen wie­der den Kopf und sah an sich her­ab. Das gelb­fle­cki­ge, aus­ge­lei­er­te T‑Shirt spann­te sich über die Kup­pe, die sein Bauch war. J. trug seit Tagen kei­ne Unter­ho­se, aber aus die­ser Per­spek­ti­ve war sein Penis tat­säch­lich nicht aus­zu­ma­chen. Er zog nun mit Ver­ren­kun­gen auch das Shirt aus, schleu­der­te es kraft­los auf die kleb­ri­gen Flie­sen und prüf­te erneut, minu­ten­lang, sein nun leicht ver­än­der­tes Spie­gel­bild. J. hat­te, wenn auch nicht am Bauch, sicht­lich abge­nom­men, rang er sich schließ­lich eine erfreu­li­che Fest­stel­lung ab. Nun hob er den rech­ten Arm. Er führ­te sei­ne Nase lang­sam zu der schmie­ri­gen Ach­sel­höh­le, wo er einen tie­fen Zug nahm.

Ich bin wirk­lich hier. Ich ste­cke wirk­lich in die­sem Kör­per. Ich füh­re wirk­lich die­ses Leben, staun­te J. beim Blick in den Spie­gel, wäh­rend er den Geruch noch eine Wei­le nach­wir­ken ließ. Er ver­harr­te so viel­leicht eine hal­be Stun­de in fast völ­li­ger Regungs­lo­sig­keit. Die Star­re hät­te ewig dau­ern kön­nen, doch sie ende­te dann unvermittelt.

Aus einem Impuls her­aus, ohne dass es einen beson­de­ren Anlass gege­ben hät­te, fass­te J. den Plan zu duschen. Er beweg­te sich zur Wan­ne. Er benö­tig­te meh­re­re Ver­su­che, bis er ihren hohen Rand über­wun­den hat­te. Der Email­le­bo­den war mit einer dump­fen Schicht aus Kalk, Haa­ren und brau­nen Sham­poo­res­ten beklebt. Er klam­mer­te sich an den Hal­te­griff an der braun geflies­ten Wand, begra­dig­te lang­sam sei­ne cha­rak­te­ris­ti­sche Buckel­hal­tung und blin­zel­te kri­tisch zum Dusch­kopf empor, der eini­ge Zen­ti­me­ter über sei­nem Kopf befes­tigt war. Er zog am Hebel der Dusch­ar­ma­tur, der sich mit einem Ruck lös­te. Ein Rumo­ren hin­ter der Flie­sen­wand, der Gum­mi­schlauch straff­te sich, und aus jenen Löchern im Dusch­kopf, die noch nicht ganz von beige­far­be­nen Minia­tur-Sta­lak­ti­ten ver­schlos­sen waren, ergoss sich eis­kal­tes Was­ser über J.

In die­ser Dusch­wan­ne war es schon lan­ge nicht mehr mög­lich gewe­sen, eine erträg­li­che Mit­tel­tem­pe­ra­tur ein­zu­stel­len. Das Was­ser rann ent­we­der sie­dend heiß oder mit uner­hör­ter Käl­te aus dem Dusch­kopf. J. konn­te sich nur dadurch behel­fen, alle paar Sekun­den den Reg­ler abwech­selnd nach rechts und links zu rei­ßen, oder, wenn es gar zu extrem wur­de, den Dusch­kopf wie in pani­scher Not­wehr von sich weg zu schla­gen. Er war an all das gewohnt, er hat­te es hin­ge­nom­men, wie er alles hin­ge­nom­men hat­te, den­noch ließ ihn die­ser erbärm­lich klir­ren­de Schau­er für einen Moment den Atem sto­cken. Lei­se fluch­te er ein gepress­tes Fuck her­aus. Dies war, wie so oft, das ers­te Wort, das er heu­te sprach.

So sehr ihn die defek­te Dusche in sei­nem Grund­ge­fühl von tota­ler Aus­weg­lo­sig­keit bestä­tig­te, so sehr ver­blüff­te J., wel­che gera­de­zu kon­trä­re Wir­kung das heiß­kal­te Gepras­sel in sei­nem Innern ent­fal­te­te. Es war, als wür­de das Was­ser, das in krum­men, trüb-brau­nen Rinn­sa­len an sei­nem Kör­per her­ab­floss, auch einen Teil sei­ner Ver­schla­fen­heit hin­fort spü­len. Die Dimen­si­on sei­ner phy­si­schen Schwä­che schien mit einem Mal weni­ger uner­mess­lich. Also wag­te er es bald, sei­nen Klam­mer­griff zu lösen, um mit bei­den Hän­den Sham­poo in den dicken, ver­filz­ten, graublon­den Haar­schopf einzumassieren.

In Erman­ge­lung eines Schwamms oder Lap­pens, wusch er sich mit den Hän­den. Auf die Idee zu mas­tur­bie­ren kam er zu kei­nem Zeit­punkt. Zum Schluss der ins­ge­samt genau fünf­mi­nü­ti­gen Dusche nahm er den Dusch­kopf aus der Hal­te­rung, ging in die Hocke und rich­te­te, was ihm ein beson­de­res Anlie­gen gewe­sen war, den Strahl in Rich­tung Anus. Er genoss die­se Art von Schmerz, die­ses Zie­pen, und beob­ach­te­te mit Beha­gen, wie die aus­ge­wa­sche­nen Klum­pen nach ein paar Krei­sel­be­we­gun­gen für immer im schwar­zen Loch des Abflus­ses ver­schwan­den. Danach klet­ter­te er erfrischt aus der Wanne.

Noch beim Abtrock­nen war es ihm, als beweg­te er sich bei­na­he so flie­ßend, gekonnt und behän­de wie ein Nor­ma­ler, und er gefiel sich in die­ser Rol­le. Aber schon im Ver­lau­fe des Zäh­ne­put­zens stell­te sich der ursprüng­li­che Erschöp­fungs­zu­stand wie­der ein, sodass er die­sen Teil sei­ner Abend­toi­let­te vor Voll­endung abbrach – abbre­chen muss­te. Er schlurf­te nackt in sei­ne Wohn- und Schlaf­kam­mer zurück. Dabei brach­te er es fer­tig, sich der Ein­kaufs­tü­te im Flur zu wid­men. Er beug­te sich dar­über, um mit spit­zen Fin­gern und For­scher­neu­gier ihren Inhalt zu unter­su­chen. Der Blick in die Tüte ernüch­ter­te ihn, eben­so der Geruch, der von ihr ausging.

Brauch­bar war nichts mehr, abge­se­hen vom WC-Rei­ni­ger und dem Drei­er­pack Zahn­pas­ta. Aber die ver­go­re­nen Kiwis und Toma­ten wie auch das ehe­ma­li­ge Tief­kühl-Lachs­fi­let erin­ner­ten J. dar­an, dass er, um sei­ne grund­le­gen­den Kör­per­funk­tio­nen auf­recht zu erhal­ten, irgend­wann etwas essen muss­te. Zu lan­ge durf­te er die­se läs­ti­ge Pflicht nicht mehr auf­schie­ben. Die Vor­stel­lung, den einen Punkt zu ver­pas­sen, ab dem er sich vor Schwä­che nicht mehr selbst­stän­dig mit Nah­rung ver­sor­gen konn­te, erfüll­te ihn mit ernst­haf­tem Schre­cken. Ver­hun­gern gehör­te zu den zu ver­mei­den­den Todes­ar­ten. So ent­schloss er sich nach reif­li­cher Abwä­gung aller Optio­nen, den Weg zur nächst­ge­le­ge­nen Imbiss­bu­de auf sich zu neh­men. Der Weg schien ihm trotz Beden­ken letzt­lich doch mach­bar, denn das Restau­rant war in sei­ner Stra­ße gele­gen, kei­ne zwei­hun­dert Meter ent­fernt; er hat­te ihn schon oft bewältigt.

(Fort­set­zung folgt möglicherweise)