Extreme Remembering

Es gibt eini­ge Bege­ben­hei­ten aus mei­ner frü­hen Kind­heit, an die ich mich prä­zi­se erin­ne­re. Zum Bei­spiel als ich das Wort „kahl“ zum ers­ten Mal hör­te. Es war Herbst, nass­kal­tes Wet­ter, die Fami­lie saß im Auto und mei­ne Mut­ter sag­te: „Die Bäu­me sind schon ganz kahl.“ Zu sehen war im Vor­bei­fah­ren ein hoher eichen­ar­ti­ger Baum mit sehr weni­gen brau­nen Blät­tern. Ich kom­bi­nier­te, dass mit „kahl“ der Farb­ton bzw. die „Ver­än­dert­heit“ des Farb­tons gemeint sein müss­te, und nicht etwa die gerin­ge Laub­dich­te. Unter wel­chen Umstän­den ich die wah­re Wort­be­deu­tung her­aus­fand, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

Lern­vor­gän­ge schei­nen sich oft im Auto ereig­net zu haben. So auch die Unter­schei­dung von links und rechts. Wir fuh­ren im Zen­trum Kopen­ha­gens über eine Kreu­zung. Mein Vater rief: „Guckt mal da, links!“ Ich guck­te nach rechts und sah eine Park­an­la­ge mit Spring­brun­nen. Konn­te das gemeint sein? Ich sah schnell noch nach links und erhasch­te für maxi­mal eine Zehn­tel­se­kun­de einen Blick auf eine schloss­ähn­li­che Fas­sa­de. Jah­re­lang, um nicht zu sagen bis heu­te, konn­te ich links und rechts nur anhand die­ser nahe­zu foto­gra­fisch ein­ge­präg­ten Sze­ne unter­schei­den. Rechts ist Spring­brun­nen, links ist Schloss. Eigent­lich müss­te ich mal ver­su­chen, die­se Kopen­ha­ge­ner Kreu­zung per Goog­le Maps… Oh mein Gott. Wahn­sinn, hier ist es. An die­ser Stel­le habe ich links und rechts zu unter­schei­den gelernt. Die­se Stra­ßen­ecke habe ich mir seit mehr als 20 Jah­ren unzäh­li­ge Male vor Augen geführt, das Schloss war also eine Kir­che. Wobei ich da zuge­ge­ben nicht mehr ganz so jung war, das muss beim Däne­mark-Urlaub 1990 gewe­sen sein. Ich war sechs.

Mit sechs bleibt schon viel hän­gen. Allein das gan­ze Kin­der­gar­ten­zeug war da bereits abge­schlos­sen, das mir in einer Unzahl von Erin­ne­rungs­frag­men­ten prä­sent geblie­ben ist. Es sind natür­lich vor­wie­gend wich­ti­ge oder emo­tio­nal auf­ge­la­de­ne Ereig­nis­se, die man abspei­cher­te. Zum Bei­spiel der ers­te Tag im Kin­der­gar­ten, als ich von Frau U. mein Fach mit dem oran­ge­nen Pony-Sym­bol auf gel­bem Grund zuge­wie­sen bekam, in das ich fort­an mei­ne weiß­blau gepunk­te­te Main­zel­männ­chen-Umhän­ge­ta­sche ver­stau­en soll­te. Da war ich drei. Oder das ers­te Fahr­rad­fah­ren ohne Stütz­rä­der — einer jener all­zu sel­te­nen Momen­te reins­ten Stol­zes! Als 1987 oder 1988 im Haus Bon­hoef­fer „Hän­sel und Gre­tel“ auf­ge­führt wur­de, wies mein Vater im Gespräch mit mei­ner Mut­ter auf die Bru­ta­li­tät des Mär­chens hin. Sie hät­ten die Hexe „ja ermor­det“. Habe ich mir gemerkt.

Prä­gend natür­lich auch jene Sze­nen, in denen ich mei­nen bei­den älte­ren Schwes­tern die Gret­chen­fra­ge stell­te: „Darf ich mit­spie­len?“ Die­ser Hass, die­se Aggressivität.

Bild­haft erin­ne­re ich mich, wie ich das ers­te Mal auf J. traf, mei­ne kon­ge­nia­le Sand­kas­ten­freun­din aus der Nach­bar­schaft. Das war noch vor dem Kin­der­gar­ten. Mei­ne Mut­ter hat­te die­sen Kon­takt irgend­wie her­ge­stellt, wahr­schein­lich am Ran­de der „Krab­bel­grup­pe“, und mich als wir ein­mal im Auto (!)  an J.s Haus vor­bei­fuh­ren gefragt, ob ich dort nicht mal vor­bei­ge­hen woll­te. Die Sze­ne des Auf­ein­an­der­tref­fens sah fol­gen­der­ma­ßen aus: Eine Wasch­be­ton-Ter­as­se bei Son­nen­schein, meh­re­re ste­hen­de Erwach­se­ne, ein roter Son­nen­schirm, ein Bob­by­car, ein Sand­kas­ten, dar­in J. Spä­ter gab es häu­fi­ger Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit J. Sie war etwa der Ansicht, dass es ein „Christ­kind“ gebe, das Geschen­ke ver­teil­te, was ich absurd fand. Nur der Weih­nachts­mann war ja wohl ver­bürgt. Ein­mal nann­te sie mich einen „Erpres­ser“ — wie­der ein Wort, das ich zum ers­ten Mal hör­te. „Das Wort gibt es ja gar nicht“, erklär­te ich ihr. Wie ich kur­ze Zeit spä­ter recher­chier­te, hat­te sie es völ­lig kor­rekt verwendet.

Selt­sam, wie selek­tiv das Gedächt­nis funk­tio­niert. Manch­mal bin ich aus Semi­na­ren gekom­men, und man hät­te mich auch mit Waf­fen­ge­walt nicht dazu brin­gen kön­nen, zu sagen, um wel­che The­men es eben grob ging. Es ist wahr­schein­lich auch eine Alters­fra­ge. Ich habe schon jetzt Pro­ble­me, punk­tu­el­le Erleb­nis­se aus den letz­ten acht Jah­ren zu destil­lie­ren und fest­zu­hal­ten. Womög­lich wer­de ich sie in 20 Jah­ren kom­plett ver­ges­sen haben. Aber dann bleibt mir immer noch Paris das, was ich im Kin­der­gar­ten so gemacht habe.

Ich weiß gar nicht mehr, wor­auf ich eigent­lich hin­aus woll­te. Viel­leicht die The­se bemü­hen, dass man in einem fah­ren­den Auto am bes­ten lernt. Das ist ja auch unge­fähr der Ansatz der Loci-Metho­de: Man ver­bin­det inhalt­li­ches Ler­nen mit Raum-Bil­dern, zum Bei­spiel bei einem Spa­zier­gang. Viel­leicht woll­te ich auch vor­schla­gen, dass man sich häu­fi­ger mal sei­ne früh­kind­li­chen Erin­ne­run­gen ver­ge­gen­wär­ti­gen soll­te, sie viel­leicht sogar auf­schrei­ben. Damit man’s hat. Viel­leicht woll­te ich sagen, dass Klein­kin­der wegen ihrer Auf­fas­sungs­ga­be womög­lich die bes­se­ren Stu­den­ten wären, wenn man genau drü­ber nachdächte.

Ich erin­ne­re mich nicht.

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