Spaziergänge im Osten
Teil 2: Polen
(Fragment)

by aj

deer

[Vor­be­mer­kung, April 2016: Mei­nen groß­an­ge­leg­ten Osteuropa-Reisebericht aus dem Früh­jahr 2013 habe ich nie fer­tig gestellt. Das wird auch nicht mehr pas­sie­ren. Aber ges­tern habe ich in Google Drive das unvoll­en­dete, in Moll gehal­tene zweite Kapi­tel wie­der­ent­deckt. Man kann hieran gut sehen, wie ich Texte schreibe, für den Fall, dass das irgend­wen inter­es­siert: Jeder Satz wird bereits im Ent­ste­hen ins Reine geschrie­ben. Der nächste Satz wird erst begon­nen, wenn der vor­he­rige fer­tig aus­for­mu­liert ist. Das ist übri­gens die schlech­teste aller Metho­den Texte zu schrei­ben. Man sollte kei­nes­falls, sagen wir, eine Diplom­ar­beit auf diese Weise schrei­ben. Las­sen wir das, los geht’s.]

Keine gute Tak­tik! Keine gute Tak­tik, in einem mons­trö­sen Blog­ein­trag, den ich mir im Rah­men mei­ner auto­ag­gres­si­ven Anfälle aus dem Hirn geprü­gelt habe, noch zwei wei­tere Texte die­ser Art zu ver­spre­chen. Diese schlim­men Träume seit­dem. Diese Schmer­zen, die wie eine weite Angst­land­schaft vor mir lie­gen. Und woher bloß die Zeit neh­men? Immer­hin muss ich gerade auch Brea­king Bad voll­stän­dig gucken – um nur ein Bei­spiel für meine Viel­be­schäf­tigt­heit zu nennen.

Peter Jack­son, Regis­seur, hatte eben­falls früh­zei­tig eine Tri­lo­gie ange­kün­digt, aber der hatte wenigs­tens schon was vor­be­rei­tet: Als Die Gefähr­ten ins Kino kam, war Die Rück­kehr des Königs bereits seit einem Jahr im Kas­ten! Wahn­sinn. Dass man irgend­et­was meh­rere Jahre im Vor­aus pla­nen und vor­be­rei­ten kann, finde ich völ­lig irre. Nein, es ist für mich schlicht nicht nach­voll­zieh­bar. In mei­ner forsch-debilen Art ver­sprach ich also einen drei­tei­li­gen Rei­se­be­richt, mit nichts in der Schub­lade, abge­se­hen von ein paar ver­spreng­ten Erin­ne­rungs­fun­ken, die mit aller­letz­ter Kraft aus der Nebel­wand mei­nes Ver­ges­sens her­vor­glimm­ten. Und nun?

Vla­di­mir Nabo­kov, des­sen Lolita ich zur­zeit lese (Emp­feh­lung!), schreibt im Nach­wort: „Nun, ich bin zufäl­lig einer jener Auto­ren, die, wenn sie die Arbeit an einem Buch begin­nen, keine andere Absicht haben, als sich das Buch vom Halse zu schaf­fen“. Bei mir ist es ähn­lich (auch wenn ich, viel­leicht, kein Welt­li­te­rat bin). Ich habe es ange­fan­gen und ich will es auch abschlie­ßen. Aus quasi kon­fron­ta­ti­ons­the­ra­peu­ti­schen Gründen.

***

Polen also. Zum zwei­ten Mal an die­sem 28. März über­que­ren wir die Gör­lit­zer Neiße in Rich­tung unse­res – so wird sich her­aus­stel­len – grund­sym­pa­thi­schen Nach­bar­volks. Dies­mal fah­ren wir. Bald errei­chen wir die Auto­strada, wie sie das hier wohl nen­nen. Abge­se­hen von den Höchst­ge­schwin­dig­kei­ten ist eigent­lich alles genau wie auf einer deut­schen Auto­bahn, die in wol­ken­grauem Däm­mer­licht durch ein fla­ches, eher unspek­ta­ku­lä­res Ter­rain führt.

Aber viel­leicht ist doch eine Sache anders. Ich spre­che von die­sem alt­be­kann­ten Gefühl… Die­ses Gefühl, das stets von mir Besitz ergreift, wenn ich die Grenze zu einem unse­rer Nach­bar­län­der pas­siere. Es ist dies­mal rela­tiv stark aus­ge­prägt: Das Gefühl von Schuld.

Was haben wir ihnen bloß ange­tan. Wel­che Ver­bre­chen haben wir auf ihrem Boden ver­übt. Wie haben wir sie über­fal­len, geschän­det und an den Abgrund getrie­ben. Es waren Män­ner in unse­rem Alter, die unvor­stell­ba­res Leid über Polen gebracht haben.

Gerade 68 Jahre sind seit­dem ver­gan­gen und nun erdreis­ten wir uns, ihr Land wie­der zu durch­fah­ren. Als Klischee-Touris, die sich noch nicht ein­mal die geringe Mühe gemacht haben, rudi­men­tärste Sprach­fet­zen wie „Hallo“ auf Pol­nisch zu erler­nen. Die sich nicht auch nur Bruch­teile von Sekun­den mit ihrer Kul­tur und Geschichte beschäf­tigt haben. Wir fah­ren als Deut­sche in die­sem roten japa­ni­schen Bon­sai­auto durch Polen, als wäre es das Selbst­ver­ständ­lichste auf der Welt. Und nicht blan­ker Hohn.

Unser Ziel ist eine Stadt namens Klodzko, die wir ohne wei­te­ren Zwi­schen­stopp direkt ansteu­ern. Wobei, direkt ist nicht ganz rich­tig; für die­ses Prä­di­kat hät­ten wir zehn Abfahr­ten län­ger auf der kom­for­ta­blen Auto­bahn blei­ben müs­sen. Einen Groß­teil der Stre­cke legen wir nun, dank Navi, auf kur­ven­rei­chen, ver­spiel­ten Sträß­chen zurück, wel­che die Dör­fer Nie­der­schle­si­ens mit­ein­an­der ver­bin­den. Genauer: Es ist in der Fins­ter­nis nicht immer klar aus­zu­ma­chen, ob wir uns gerade tat­säch­lich auf einer Straße oder einem Feld­weg befin­den. Aber auch das hat natür­lich unge­heu­ren Charme.

Der­weil umtreibt den Fah­rer, wie so oft, Angst. Noch immer hören wir Ben Wet­ter­vo­gels Ora­kel­spruch nach­hal­len, näm­lich, dass uns hin­ter jeder Kurve Schnee­mas­sen bib­li­schen Aus­ma­ßes (jeder kennt die im zwei­ten Korin­ther­brief erwähn­ten Bliz­zards) erwar­ten wer­den. Der Fah­rer hat im Rei­se­füh­rer eine Karte ent­deckt, auf der die Gegend um Klodzko braun kolo­riert ist. Braun… wir den­ken scharf nach, was das noch mal bedeu­tet: Hoch­ge­birge! Gro­ßer Gott.

Tat­säch­lich bekom­men wir auf die­ser Fahrt weder Schnee noch Gebirge zu sehen. Ein­mal nähert sich uns in der Fins­ter­nis ein dif­fu­ser Schein. Ein bläu­li­cher Schleier weht ziel­stre­big und mit gro­ßer Geschwin­dig­keit über die Flur. Nach und nach nimmt er Gestalt an. Es ist ein sui­zi­da­ler Reh­bock, der ver­sucht, sich vors Auto zu schmei­ßen. Um sich vom Joch eines unter­pri­vi­le­gier­ten Lebens als Paar­hu­fer zu befreien, gibt er alles, has­tet neben dem fah­ren­den Auto her. Nur mit Voll­gas ist es uns mög­lich des pol­ni­schen Hir­schen Todes­drang zu ent­kom­men. Auch wenn ich seine Ent­schluss schätze und respek­tiere, so wäre es für uns mit aller­lei Unge­mach ver­bun­den gewe­sen, hät­ten wir sei­nem Wunsch ent­spro­chen. Ein Blick in den Rück­spie­gel. Er schaut uns nach, mimisch neu­tral wie nur Tiere es ver­mö­gen, dann ver­schluckt den Gepei­nig­ten tiefe Nacht. Adé, armes Geschöpf!

Klodzko

Klodzko

Klodzko. Wir bezie­hen abends im Glat­zer Kes­sel Quar­tier, genau­ge­nom­men im Metro Hotel außer­halb Klodz­kos. Auf den Zim­mern steht gra­tis WiFi zur Ver­fü­gung, selbst­ver­ständ­lich, schließ­lich befin­den wir uns in einem Hotel außer­halb Deutsch­lands. Dass wir an die­sem Ort kos­ten­los im Inter­net sur­fen kön­nen, ist inso­fern, wenn man dar­über nach­denkt, eine direkte Folge der West­ver­schie­bung Polens nach dem Zwei­ten Welt­krieg. So wird ein­mal mehr Welt­ge­schichte indi­vi­du­ell erfahrbar.

Sowieso, die­ser Zweite Welt­krieg… tja, ein schwie­ri­ges Thema. Ein hei­ßes Eisen sozu­sa­gen. Man tappt so schnell in die Hit­ler­falle. Zum Bei­spiel mit Aus­sa­gen wie: „Ohne Hit­ler wäre meine Exis­tenz undenkbar.“

In mei­nem Fall trifft die­ser Satz zu. Meine Eltern konn­ten sich nur des­halb in Nie­der­sach­sen begeg­nen, weil meine einen Groß­el­tern soge­nannte Hei­mat­ver­trie­bene waren. Es wäre Wahn­sinn, davon aus­zu­ge­hen, meine Eltern hät­ten sich auch ohne den Hit­ler­krieg ken­nen­ge­lernt. Die­ser Kau­sal­zu­sam­men­hang nimmt der „gro­ßen Scheiße des Krie­ges“ (Hel­mut Schmidt) jedoch nichts von ihrem Schre­cken. Ganz im Gegen­teil. Ohne Hit­ler wäre ich zwar nie gebo­ren wor­den, aber das wäre für mich eben­falls völ­lig OK gewe­sen. Ich wäre da fle­xi­bel gewe­sen. Ich hätte da mit mir reden las­sen. Aber das Leben ist nun mal, um eine Flos­kel zu ver­mei­den, kein Wunschkonzert.

[Das war’s auch schon.]

Reh-Symbolfoto: lovecatz/flickr, Lizenz