Spaziergänge im Osten
Teil 1: Deutschland

by aj

Ende März hos­pi­tierte ich bei einem selt­sa­men Expe­ri­ment: Wie lange würde man mit einem roten Nis­san Micra, der in meine Hosen­ta­sche passt, unauf­hör­lich gen Osten fah­ren kön­nen? Her­aus­ge­kom­men ist eine Grand Tour durch Deutsch­land, Polen und die Ukraine. Ein paar wirre Reisenotizen.

Dieses erste Kapi­tel betrach­tet den deut­schen Stre­cken­ab­schnitt mit den Sta­tio­nen Göt­tin­gen, Leip­zig, Dres­den und Gör­litz. Ich will aller­dings gleich vor­aus­schi­cken, dass es mög­li­cher­weise dabei bleibt. Meine Schreib­blo­ckade ver­läuft der­zeit uner­hört qual­voll. Jeder Ver­such eines Gedan­kens fühlt sich an, als wenn ein glü­hen­des Schwert durch mei­nen Schä­del gesto­ßen wird. Jedes getippte Wort ver­ur­sacht beim erneu­ten Lesen aku­tes Mise­rere. Diese ange­strengt gestelzte, reak­tio­näre Spra­che, wen soll das bitte von was über­zeu­gen? Und diese Ego­ma­nie! Wozu? Wenn ich drü­ber nach­denke, kommt mir das alles in der Tat sinn­los und ekel­er­re­gend vor. Aber ich will nicht jam­mern. Es muss ja sein. Wir gucken mal, wie weit wir kommen.

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Göt­tin­gen. Es ist Mitt­woch­mit­tag. Ein ers­ter Halt, nach­dem wir Ost­west­fa­len, Kas­sel und ein paar uns unbe­kannte Mit­tel­ge­birge pas­siert haben. Göt­tin­gen liegt abseits unse­rer Route. Schwer zu sagen, warum wir die­sen kilo­me­ter­wei­ten Umweg in Kauf neh­men. Ver­mut­lich wol­len wir die Stadt nur mal gese­hen haben.

Was viele nicht wis­sen und ich oft ver­gesse: Ich war ja mal bei der Uni Göt­tin­gen ein­ge­schrie­ben. Matri­kel­num­mer 20541753. Die­ser Kar­rie­re­ab­schnitt währte aller­dings nur ein paar Tage. Am 29. Sep­tem­ber 2005 wurde die Imma­tri­ku­la­tion auf mei­nen Antrag hin rück­gän­gig gemacht. Ich folgte dem Ruf nach Müns­ter, wo plötz­lich die Leute nach mir und mei­ner Exper­tise ver­lang­ten. Ver­mut­lich wäre mein Leben auf erheb­li­che Weise bes­ser anders ver­lau­fen, wäre ich nicht nach Müns­ter nach­ge­rückt bzw. aus Bequem­lich­keit bei der Uni Göt­tin­gen geblie­ben. Womög­lich wäre aber auch alles gleich gewe­sen: Man darf den Wohn­ort als prä­gen­des Moment für das Ich nicht über­schät­zen. Im Grunde ändert sich ja immer nur die phy­si­sche Außen­welt. Man irrt zwi­schen wech­seln­den Kulis­sen, Requi­si­ten und Kom­par­sen umher, wäh­rend man inner­lich stets der­selbe bleibt. Lei­der, lei­der. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jeden­falls bin ich jetzt erst­mals seit jener Zeit wie­der hier. Wie damals nur für wenige Stun­den; und wie damals asso­zi­iere ich fast nichts mit Göt­tin­gen, außer, dass es im Her­zen eines ima­gi­nier­ten Dich­ter– und Denker-Deutschland liegt und dem zwei­fel­haf­ten Ideal einer „Stu­den­ten­stadt“ bedroh­lich nahe kommt. 2005 nahm ich Göt­tin­gen nur aus der Per­spek­tive eines mit­tel­lo­sen Woh­nungs­su­chen­den wahr (mein lus­ti­ges Gesuch im Göt­tin­ger Tage­blatt). Das war eine abso­lut ernüch­ternde Erfah­rung. Unglaub­lich, was mir da für Drecks­höh­len gezeigt wur­den. Ich glaube, eine hatte tat­säch­lich kein Fens­ter. Klar, als WG-unfähiger Mis­an­throp muss man beim Wohn­kom­fort Abstri­che machen… aber so? Es war dann auch irgend­wie pro­ble­ma­tisch, die Besich­ti­gungs­ter­mine vor Ort zu koor­di­nie­ren, ich hatte schon gegen Mit­tag kei­nen Bock mehr und floh aus der Stra­ßen quet­schen­der Enge hin­aus in die herr­li­che Hügel­land­schaft, die die Stadt in mei­ner Erin­ne­rung umgibt. Dort stieg ich aus und saß stun­den­lang am Saum eines Fich­ten­hai­nes. Neben mir glänzte der bor­deauxfar­bene Opel Corsa in der war­men, kla­ren Sep­tem­ber­sonne. Das ist das Bild, das ich neben den kaf­ka­es­ken Mini-Wohnungen noch von mei­nem ers­ten Göt­tin­gen­auf­ent­halt im Kopf habe. Ich kann mir die Alt­stadt also unvor­ein­ge­nom­men angucken.

Man kriegt halt das Übli­che gebo­ten, wenn man durch eine Stadt wie Göt­tin­gen geht: Kir­chen, Gas­sen, Fach­werk­häu­ser. Es gab kaum Bom­ber­an­griffe. Nett. Net­ter als ich es in Erin­ne­rung hatte… wie gesagt.

Von Müns­ter unter­schei­det sich Göt­tin­gen dadurch, dass es immer pro­tes­tan­tisch und pro­gres­siv war –eine Heim­statt des deut­schen Libe­ra­lis­mus. Die Pira­ten­par­tei tritt hier noch recht selbst­si­cher auf. Sie haben ein Laden­lo­kal mit gro­ßem Schau­fens­ter ange­mie­tet („Trans­pa­renz­zen­trum“), wo irgend­wel­che Pro­spekte aus­lie­gen. Die Pira­ten haben heute zwei Sitze im Rat, die Grü­nen sind stär­ker als die CDU ver­tre­ten. Ich frage mich, wie die ech­ten Göt­tin­ger Bür­ger es fin­den, dass deren Poli­tik für alle Zei­ten allein von Stu­den­ten bestimmt wird.

Mit­tag­es­sen im zufäl­lig aus­ge­wähl­ten Restau­rant Peking Pavil­lon. Wir wer­den gebe­ten, kurz zu war­ten bis ein Tisch frei wird. Die­ser von außen unschein­bare Laden ist prop­pen­voll, was mich fas­zi­niert. Es ist Mitt­woch­mit­tag. Die Ente ist in Ordnung.

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Leip­zig. Aus den Park­haus­ka­ta­kom­ben ins Helle hin­auf­stei­gen, fin­den wir uns direkt vor dem Gewand­haus wie­der. Wun­der­voll. Hier habe ich mal Beet­ho­vens 9. Sin­fo­nie gese­hen, beim Jah­res­wech­sel 1999/2000 — eine der letz­ten gemein­sa­men Rei­sen mit mei­nen Eltern. Ich war ziem­lich über­mü­det und nickte beim drit­ten Satz stän­dig ein. An die Stadt selbst erin­nere ich mich kaum mehr, die Besich­ti­gungs­tour im Bus ver­brachte ich kom­plett im Tief­schlaf (man kann bei der Zeit so Sil­ves­ter­pa­kete buchen, wo alles drin ist: Hotel, Bus­tour und die jähr­li­che Auf­füh­rung der 9. Sinfonie).

Dies­mal ist es ein Kurz­be­such. Eben mal die Fuß­gän­ger­zone rauf und run­ter gehen. Leip­zig hat man als Groß­stadt in Deutsch­land immer nie so auf dem Schirm, finde ich. Mit Leip­zig werde ich im All­tag nur kon­fron­tiert, wenn ich zu einem belie­bi­gen Zeit­punkt ARD ein­schalte und In aller Freund­schaft läuft. Eigent­lich hat diese Stadt mehr Bedeu­tung ver­dient. Sie ist so lie­bens­wert. Wie selbst­be­wusst sie hier ihre 70er-Jahre-Betonklötze zwi­schen die his­to­ri­schen Pracht­stra­ßen­züge gestellt haben. Sehr kon­se­quent, sehr urban, sehr stilvoll.

Neben der Mädler-Passage, unter der man Auer­bachs Kel­ler fin­det, durch­zie­hen auch sonst viele Laden­pas­sa­gen die Leip­zi­ger Innen­stadt. In einer gibt es ein Maggi-Restaurant, wo Tüten­sup­pen kre­denzt wer­den. Ich notiere mir diese Geschäftsidee.

Beim Wan­deln durch diese tra­di­ti­ons­rei­chen Ein­kaufs­pas­sa­gen fällt mir ein Refe­rat ein, das ich mal über US-amerikanische Shopping-Malls gehal­ten habe. Der Dozent bat mich vor­her, fol­gende These her­aus­zu­stel­len: Die US-Shopping-Mall ist im Grunde eine Imi­ta­tion der euro­päi­schen Innenstadt-Passagen des 19. Jahr­hun­derts. Und jetzt, seit ein paar Jahr­zehn­ten beginnt Europa sei­ner­seits, die US-Shopping-Mall zu imi­tie­ren. Die Mall kam aus Europa, ging nach Ame­rika und kehrte dann wie­der heim. Ich weiß gar nicht, ob das stimmt, aber ich habe das gerne so vertreten.

Ich muss die cong­star–Karte auf­la­den, denn ohne Inter­net geht es ja nun nicht. Weiß Gott. Mitt­ler­weile kann man bei dm für alle Mobil­funk­an­bie­ter Gut­ha­ben ein­kau­fen. Der dm–Claim „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“ kommt mir unheim­lich bril­lant vor. Viel­leicht liegt es an die­ser faus­ti­schen Atmo­sphäre, die uns in Leip­zig allent­hal­ben umfängt. Ich schätze, Goe­the würde heute tat­säch­lich in irgend­ei­ner Agen­tur sit­zen und sol­che Wer­be­texte schrei­ben. Oder er würde ohne jeden Erfolg blog­gen. Nichts da mit Dich­ter­fürst. Man muss halt immer zuse­hen, zur rech­ten Zeit am rech­ten Ort zu sein.

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Dres­den. Wir kom­men abends an. Dres­den ist auf­re­gend für mich. Ich war noch nie tie­fer in der Zone als in Leip­zig. Gut, ich war schon in Ber­lin und auf Rügen, das ist bei­des öst­li­cher. Aber Dres­den ist noch mal eine andere Stufe von Ostig­keit. Da hat­ten sie noch nicht mal Westfernsehen.

Man hat auch schon so viel Gutes gehört, von die­sem Elb­flo­renz, die­sem weit­hin strah­len­den Turm mit sei­nen edlen, schön­geis­ti­gen Bewoh­nern! Wie schrieb die Zeit doch 2010 über das Dresd­ner Bürgertum?

Aus den Vil­len erklingt Haus­mu­sik, Eltern ver­er­ben Kon­zer­tabos an ihre Kin­der, das Volk schiebt sich durch Gale­rien und Museen. In Dres­den blüht die klas­si­sche Kul­tur wie nir­gends sonst in Deutsch­land. Was hat die Stadt, das andere Städte nicht haben? (Die Zeit, 35/2010)

Okay, das klingt für mich hin­rei­chend snobby. Hier bin ich zuhause.

Aus dra­ma­tur­gi­schen Grün­den kom­men nun meh­rere Continuity-Fehler: Es geht tags­über wei­ter, obwohl eigent­lich Nacht sein müsste. Ich glaube, das macht aber nichts, denn große Teile die­ses Texts sind sowieso nur aus­ge­dacht. Sorry. Um es mit den Wor­ten von Bill Pull­man in Lost High­way zu sagen: „Ich erin­nere mich an die Dinge lie­ber auf meine Art, nicht unbe­dingt, wie es pas­siert ist.“

Wir gehen von der Pra­ger Straße aus, einer gene­ral­über­hol­ten Fuß­gän­ger­zone, in Rich­tung Alt­stadt. Gar nicht so viel los hier, an die­sem nass­kal­ten Don­ners­tag­vor­mit­tag. Wahr­schein­lich könnte man an güns­ti­gen bestimm­ten Tagen die Alt­stadt leicht durch­que­ren, ohne auch nur einen ande­ren Men­schen anzutreffen.

Wie dm hat Dres­den zur­zeit — dafür, dass es eine Stadt ist — einen ziem­lich guten Marketingslogan:

Wo Wag­ner WAGNER wurde.

Respekt. Wer denkt sich denn so was aus? Ich bin ja seit kur­zem Wag­ne­ria­ner. Immer wenn ich eins die­ser Pla­kate ent­de­cke, lese ich den Spruch mit kor­rek­ter Beto­nung laut vor, sodass Tau­ben panisch auf­flie­gen und Leute mit angst­ver­zerr­ten Gesich­tern zu mir rüber­star­ren. Könnte ich ewig machen, auch jetzt noch beim Schrei­ben… „WAGNER“, lol.

Ich glaube, die Dresd­ner ver­ste­hen sich tra­di­tio­nell auf erfolg­rei­ches Mar­ke­ting. Ich kann mich noch gut an die bei­spiel­lose Kam­pa­gne zum Wie­der­auf­bau der Frau­en­kir­che erin­nern. In den 90ern gab es in unge­fähr jeder Sen­dung bei ARD und ZDF Spen­den­auf­rufe. Jetzt steht diese Frau­en­kir­che wie­der da, fun­keln­igel­na­gel­neu. Geht man rein, riecht alles so schön IKEA-frisch. Neu­lich haben meine Eltern bei sich Lami­nat ver­le­gen las­sen, das war ein ähn­li­cher Geruch. Den Innen­raum kenne ich bereits aus dem Fern­se­hen (Advent­li­che Fest­mu­sik aus Dres­den, ZDF) und aus die­sem Youtube-Video, das ich mal völ­lig zu Recht gefavt habe:


Direkt-Link

Von unten wirkt die Kir­che über­ra­schend über­sicht­lich, der Innen­raum ist unge­fähr 100 m hoch und 10 m breit (fik­tive Daten). Schon komisch, dass sie so ein baro­ckes Teil in der Jetzt­zeit detail­ge­treu auf­ge­baut haben. Ich meine, es gibt iPods, die älter sind als die Dresd­ner Frau­en­kir­che (ich hoffe, die­ser Ver­gleich hilft wei­ter). Hätte man nicht die Außen­hülle rekon­stru­ie­ren, aber von innen alles auf modern machen kön­nen? Mir schwebt da so ein mini­ma­lis­ti­sches Sichtbeton-Interieur vor… Viel­leicht beim nächs­ten Mal.

Die­ses Ensem­ble mit Zwin­ger, Sem­per­oper, Schloss und Hof­kir­che — das ist alles schon sehr gut gemacht. Der­weil uns die Zeit keine aus­gie­bi­gen Besich­ti­gun­gen erlaubt. Wie über­all neh­men wir die Dinge nur en pas­sant mit, wie man so sagt. Wir stromern ein biss­chen im Zwinger-Innenhof umher. Die Spring­brun­nen sind aus, der Rasen ist fast so braun wie der Elb­sand­stein der Rokoko-Fassaden. Leich­ter Schnee­fall. Rus­si­sche Schul­klas­sen. Die Faune in den Kon­so­len gefal­len mir; mit denen kann ich mich auf ne Art identifizieren.

Ob es wohl einen Sau­na­club in Dres­den gibt, der „Dresd­ner Swin­ger“ heißt? Wäre ja schön blöd, sich die­sen Gag ent­ge­hen zu las­sen. Wenn man schon Swin­ger in Dres­den ist… Aber Sau­na­clubs hei­ßen immer „Oase“. Es gibt da glaube ich eine EU-Verordnung, die das regelt. Sau­nen war nie so mein Fall, fällt mir auf. Ich war das letzte Mal als 8-Jähriger in einer Sauna. Mir war Hitze irgend­wie nie wichtig.

Kurz über den Fluss zur Dresd­ner Neu­stadt. An der Brü­cke ist ein Schild ange­bracht, das an die Jahr­hun­dert­flut erin­nert. Ganz schön hoch, der Pegel. Ohne diese Flut wäre ja Edmund Stoi­ber übri­gens Bun­des­kanz­ler gewor­den. Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkte der Geschichte! Und ich selbst war betrof­fen: Bevor das Unwet­ter Dres­den unter Was­ser setzte, war es über Wes­ter­kap­peln hin­weg gezo­gen und hatte für einen kur­zen Strom­aus­fall mit anschlie­ßen­der Netz-Überspannung gesorgt. Die­ses Ereig­nis zählt zu den wich­ti­gen Zäsu­ren in mei­ner Bio­gra­phie und ist uns heute bekannt als der „Große Fest­plat­ten­crash von 2002″.

Über­nach­tung im ibis-Hotel, einem Plat­ten­bau von 1970. Die Lage ist ideal. Direkt zwi­schen Hbf. und Alt­stadt rie­gelt der weiße Kom­plex die Pra­ger Straße nach Wes­ten hin ab. Ein Boll­werk der sozia­lis­ti­schen Moderne. Die Bett­de­cke ist außer­or­dent­lich weich.

Am nächs­ten Mor­gen spricht Ben Wet­ter­vo­gel durch das ZDF-Morgenmagazin zu uns:

In den nächs­ten Tagen wird es dann immer mil­der, aller­dings, es gibt wei­ter­hin Regen, Schnee, Eis­re­gen – das Ganze gefähr­lich! Beson­ders an Kar­frei­tag! Wenn ich mit dem Auto unter­wegs sein müsste, Kar­frei­tag wäre für mich gestorben!

Geläch­ter. Uns ist klar, dass Ben Wet­ter­vo­gel sich auf Deutsch­land bezieht. Da wo wir am mor­gi­gen Kar­frei­tag hin­fah­ren wer­den, in einem Auto, das Win­ter­wet­ter nichts ent­ge­gen­zu­set­zen hat, wird alles noch tau­send­mal schlim­mer sein. Ande­rer­seits, was ist schon von den Pro­gno­sen eines Man­nes zu hal­ten, der in einem Nach­rich­ten­for­mat unter Künst­ler­na­men auftritt?

Den­noch, die Angst vor dem Schnee­tod ist unser stän­di­ger Rei­se­be­glei­ter. Wahn­haft tas­ten die zit­tern­den Hände des Fah­rers immer wie­der nach dem Smart­phone, um die Wet­ter­vor­her­sage zu che­cken. Als stu­dierte Geo­wis­sen­schaft­ler wis­sen wir, dass die Mäch­tig­keit der Schnee­de­cke nach Osten hin expo­nen­ti­ell zunimmt. Noch am Sonn­tag war über Kiew, unse­rem Ziel, „der schlimmste Schnee­sturm seit Beginn der Wet­ter­auf­zeich­nun­gen 1881 her­ein­ge­bro­chen“ (tagesschau.de). Der Aus­nah­me­zu­stand war dort aus­ge­ru­fen wor­den. Irgend­wann wer­den wir ein­fach an einer mas­si­ven Glet­scher­wand zer­schel­len. Naja.

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Gör­litz. Von der Fahrt zwi­schen Dres­den und Gör­litz bekomme ich nichts mit. Ich sitze in Embryo­nal­hal­tung auf dem Bei­fah­rer­sitz und kli­cke mich mit dem Handy durch den Tri­vago–Hotel­test. Es winkt eine Prä­mie von 30 Euro, wenn ich ca. 500 Fra­gen zum ibis-Hotel beant­worte. Fer­tig — und schon sind wir da.

Der Gör­lit­zer Unter­markt, „zwei­fels­ohne das Herz­stück der alten Stadt“ (Quelle), ist wegen Dreh­ar­bei­ten für uns nicht zugäng­lich. Wir wer­den an der Absper­rung sogar ange­hal­ten, still­zu­schwei­gen, um die Film­auf­nah­men nicht zu stö­ren, die gerade, für uns nicht ein­seh­bar, auf dem Platz vor dem Rat­haus statt­fin­den. Von dort her hören wir Sieg­heil­rufe und sons­ti­ges NS-Gegröle. Bei einer Dreh­pause kön­nen wir das Set pas­sie­ren und sehen, dass die Häu­ser­fron­ten mit Haken­kreu­zen beflaggt sind. Über­all ste­hen SA– und SS-Uniformierte herum. Einer lässt sich von sei­ner Mut­ter das braune Revers glatt­zup­fen. Wir neh­men an, dass all dies in Zusam­men­hang mit den Film­auf­nah­men steht.

In Gör­litz wer­den andau­ernd irgend­wel­che Hol­ly­wood­filme gedreht. Der­zeit dient die Stadt als Kulisse für die Roman­ver­fil­mung von The Book Thief (imdb), Kino­start Anfang 2014. Vor ein paar Wochen war der hoch­ka­rä­tige Cast von The Grand Buda­pest Hotel (imdb) da. Selbst­ver­ständ­lich wur­den auch der Der Vor­le­ser sowie Ing­lou­rious Bas­terds hier gedreht.

Warum immer Gör­litz, es gibt doch noch andere hüb­sche Städte, die deutsch aus­se­hen? Hatte ich da nicht neu­lich noch einen Arti­kel in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung drü­ber gele­sen? Achja: Deut­sche wie inter­na­tio­nale Pro­du­zen­ten haben das hie­sige Film­för­der­we­sen ver­stan­den und ver­su­chen, in mög­lichst meh­re­ren Bun­des­län­dern zu dre­hen, um die jewei­li­gen Sub­ven­tio­nen abzugreifen.

Kein Hollywood-Regisseur würde sich bli­cken las­sen in Gör­litz, läge in Deutsch­land die Kul­tur­ho­heit nicht bei den Län­dern, die sich nahezu aus­nahms­los die regio­nale För­de­rung der Film­wirt­schaft auf die Fah­nen geschrie­ben haben. (…) Und so fah­ren die Last­wa­gen der Filmtrecks seit jeher kreuz und quer durch die Repu­blik, damit sich die klam­men Pro­du­zen­ten aus mög­lichst vie­len För­der­töp­fen bedie­nen kön­nen. Denn wer Geld vom Frei­staat Sach­sen ver­dre­hen darf, muss die Kame­ras frei­lich zumin­dest für ein paar Wochen auch mal im Bun­des­land auf­stel­len. (FAS, 7.2.2013)

Über den Fluss führt seit 2004 eine Fuß­gän­ger­brü­cke, die Gör­litz mit dem pol­ni­schen Zgor­zelec ver­bin­det. Beide Städte, die vor dem Pots­da­mer Abkom­men eine Stadt bil­de­ten, lie­gen sich an der Neiße direkt gegen­über. Wir gehen ein paar Schritte in die­ses Zgor­zelec hin­ein, um Złoty abzu­he­ben. Für mich die erste Begeg­nung mit Polen (dem Land).

Ich wünschte, ich könnte dar­über irgend­was weni­ger Nega­ti­ves sagen. Aber es ist schon ein schar­fer Kon­trast, wenn man aus der glän­zen­den Aufbau-Ost-Renaissancestadt Gör­litz in diese ver­lot­terte Bruch­bu­den­welt hin­ein­kommt. Hier schien das städ­te­bau­li­che Leit­bild gewe­sen zu sein, den Ost­block mit allen Kli­schees zu insze­nie­ren. Was vom Ansatz her auch einen gewis­sen Charme hat. Viel­leicht war das damals die ein­zige Mög­lich­keit, Sys­tem­kri­tik zu üben: Durch irr­wit­zige Bau­pla­nung dem kom­mu­nis­ti­schen Appa­rat „den Spie­gel vorzuhalten“.

Na gut, ich über­treibe stark. Wahr­schein­lich ist das hier auch gar nicht reprä­sen­ta­tiv für Zgor­zelec. Wir wäh­nen uns nach dem Über­que­ren der Brü­cke fälsch­li­cher­weise im Zen­trum, dabei befin­den wir uns an einem Plat­ten­bau­quar­tier am nörd­li­chen Stadt­rand. Einen Geld­au­to­ma­ten fin­den wir hier zu unse­rer Ver­blüf­fung tatsächlich.