Mein Facebook-Profilfoto.
Bildanalyse und kritische Würdigung

by aj

Das Selbst­por­trät mit der Bild­un­ter­schrift „Steinzeit-Diät, Tag 47″ (960 × 540 Pixel, JPEG, 40 KB) wurde am Nach­mit­tag des 16. Februar 2013, einem Sams­tag, mit einer Web­cam der Marke Micro­soft im 16:9-Format auf­ge­nom­men. Einige Minu­ten spä­ter wurde das Foto im sozia­len Netz­werk Face­book ver­öf­fent­licht. Seit­dem illus­triert es in ver­klei­ner­ter, beschnit­te­ner, qua­dra­ti­scher Aus­füh­rung („Thumbnail“) das Facebook-Profil des Ver­fas­sers die­ser Bild­be­spre­chung. Es wurde drei­mal kom­men­tiert und ein­mal geli­ked. Damit gehört es zu den meist­be­ach­te­ten Bei­trä­gen des Ver­fas­sers auf Facebook.

In Ori­gi­nal­größe zeigt das Bild­nis den Ver­fas­ser ober­halb der Brust, nur ein wenig rechts von der hori­zon­ta­len Bild­mitte sit­zend, vor der Küchen­zeile sei­ner kärg­li­chen Woh­nung. Im Hin­ter­grund wird der Betrach­ter zudem einer Tür mit Gla­s­ein­satz gewahr, die zu einem hell erleuch­te­ten Raum, einem Flur­raum, führt. Aber blei­ben wir zunächst im ers­ten Raum, der sich für eine nach­mit­täg­li­che Szene erstaun­lich düs­ter aus­nimmt. Nur ein Wand­vor­sprung (zur Lin­ken) und der Abge­bil­dete selbst sind in ein wei­ches, weiß­li­ches Licht getaucht. Es ist das Licht eines wol­ken­ver­han­ge­nen Febru­ar­tags, das durch ein gro­ßes Nord­fens­ter fällt.

Das rem­brandt­sche Hell­dun­kel ver­leiht dem Raum eine Tiefe, die bereits durch die Schräg-Perspektive auf die Küchen­zeile linear begrün­det wird. Die Hel­lig­keit lässt den Betrach­ter auf den Por­trä­tier­ten fokus­sie­ren, wäh­rend inter­es­sante Details im Hin­ter­grund erst auf den zwei­ten und drit­ten Blick offen­kun­dig wer­den. Neben einer Tee­kanne fällt ins­be­son­dere eine Viel­zahl an Früch­ten ins Auge, die in Beu­teln an einer Auf­hän­gung bau­meln. Es sind Äpfel und Oran­gen. Sie haben nicht zuletzt kom­po­si­to­risch eine tra­gende Funk­tion, spie­geln sie doch mit ihrem schwa­chen Leuch­ten das Leuch­ten hin­ter der Türe zum Flur wider. Die Früchte sor­gen als Far­bin­seln für dezente Dyna­mik im Kolo­rit, gleich­zei­tig sta­bi­li­sie­ren sie das Tableau. Wir erken­nen des Wei­te­ren eine Dres­sing­fla­sche sowie eine Tee­schach­tel sche­men­haft aus dem Dun­kel hervorscheinen.

Ein­ge­denk des Bild­ti­tels muss dem Betrach­ter klar wer­den, dass all diese Gegen­stände mit größ­ter Sorg­falt aus­ge­wählt und vir­tuos in Szene gesetzt wur­den. Moti­visch steht das Pro­fil­bild in der Tra­di­tion der Por­trät­ma­le­rei des Früh­ba­rock. Tee­kanne, Tee­schach­tel, Oran­gen, Äpfel, Salat­dres­sing — es sind iko­no­gra­phi­sche Attri­bute; Insi­gnien einer gesun­den Ernäh­rung. Die Aus­sage: Hier hat einer mit einem Leben in sün­di­ger Völ­le­rei abgeschlossen.

So sehr uns auch der Bild­ti­tel beim Deu­ten schein­ba­rer Klei­nig­kei­ten wei­ter­hilft, so sehr gibt er uns bei der Betrach­tung des Haupt­ge­gen­stan­des Rät­sel auf. „Steinzeit-Diät, Tag 47″: In pro­to­kol­la­ri­schem Stil wird auf eine Diät ver­wie­sen, die der Abge­bil­dete wohl seit meh­re­ren Wochen prak­ti­ziert. Was mag ihn dazu bewo­gen haben, diese Nach­richt gerade mit die­sem Gesichts­aus­druck zu bebildern?

Sein Ant­litz ist uns fast fron­tal zuge­wen­det. Wir betrach­ten einen auf­recht Sit­zen­den, des­sen Rumpf im Ver­hält­nis zum Kopf ein wenig nach rechts gewen­det ist. Der linke Arm ist mit aus­la­den­der Geste abge­stützt, wie man es von man­chen Nach­rich­ten­spre­chern kennt. Der offene Hemd­kra­gen unter blauem, kon­ven­tio­nel­lem Gewand spreizt sich weit aus­ein­an­der. Ver­we­gen­heit, Span­nung, Dyna­mik gehen aus der Pose her­vor. Ent­spannt wir­ken hin­ge­gen die blei­chen, asym­me­tri­schen Gesichts­züge. Die gro­ßen Augen bli­cken ruhig, fast leer, die Mimik scheint ernst, doch ansons­ten nicht klar deut­bar. Das Haar, das vom Dun­kel des Hin­ter­grunds nur schwer abge­grenzt wer­den kann, liegt unge­wohnt streng geschei­telt. Dunkle Augen­ringe legen beredt Zeug­nis davon ab, dass diese Auf­nahme nach einer durch­wach­ten Nacht ent­stan­den sein mag.

Was spricht aus die­sem Gesicht und der auf­rech­ten Hal­tung des Por­trä­tier­ten? Ist es Stolz auf ein neu gewon­ne­nes, wenn auch dif­fu­ses Gefühl ver­meint­li­cher Attrak­ti­vi­tät? Ist es tiefe Trauer — etwa über den Umstand, dass über­haupt eine Diät unaus­weich­lich gewor­den war? Spricht aus der Mimik gar kör­per­li­ches oder see­li­sches Leid, das aus der Man­gel­er­näh­rung einer Stein­zeit­diät not­wen­dig fol­gen muss? Ist es ein stum­mer Schrei um Hilfe, nach Liebe? Doku­men­tiert das Foto puren Nar­ziss­mus, einen Ner­ven­zu­sam­men­bruch, eine mani­sche Epi­sode oder ein­fach den Ver­such, das neu­tralst­mög­li­che Gesicht für Face­book zu gri­mas­sie­ren? Womög­lich wird die For­schung die­ses Mys­te­rium nie­mals ergründen.

Was man weiß: Wie bei der Hin­ter­grund­ge­stal­tung wurde nichts dem Zufall über­las­sen. Das blü­ten­weiße Hemd kom­mu­ni­ziert mit dem hel­len Wand­vor­sprung, um die Gesamt­kom­po­si­tion auch hier zu fes­ti­gen. Das natür­li­che, kalte Licht gibt Gesichts­form und Ala­bas­ter­haut über­prä­size wie­der. Setzt man das Foto in Bezie­hung zu frü­he­ren Pro­fil­bil­dern auf Face­book, fällt auf, dass die­ser (durch­aus mutige) Hyper­rea­lis­mus neu ist. For­mal ist das Werk vor­ran­gig durch die Pop Art beein­flusst. Schon die Wahl des 16:9-Querformats deu­tet auf einen Bruch mit her­ge­brach­ten Por­trät­schu­len hin; offen­bar sol­len Asso­zia­tio­nen zum Popu­lär­me­dium Film getrig­gert wer­den. Das Bild­nis könnte der Ein­zel­f­rame eines öffentlich-rechtlichen Fern­seh­spiels sein, ent­nom­men aus einer Schnitt/Gegenschnitt-Sequenz der Kate­go­rie „Erns­tes Gespräch am Küchentisch“.

Viele Betrach­ter haben auf die Ver­öf­fent­li­chung des Facebook-Profilbildes mit Sprach­lo­sig­keit rea­giert. Das ist ange­sichts der Kom­ple­xi­tät, die dem Werk inne­wohnt, ver­ständ­lich und klug. Die­ses Por­trät­foto ist ein Uni­ver­sum für sich, das kei­ner­lei erläu­tern­der Worte bedarf.