Du musst Bahnfahren

by aj

In mei­nem Leben über­la­gern sich der­zeit zwei­er­lei Transformationsprozesse.

Ers­tens kann ich nur noch bis zum 30. Sep­tem­ber das Semes­ter­ti­cket nut­zen. Die­ses ermög­licht mir, mit dem ÖPNV unent­gelt­lich durch Nordrhein-Westfalen zu fah­ren. Ich könnte jeden Tag 24 Stun­den lang im Zug sit­zen und die Welt zwi­schen Osna­brück und Bad Hon­nef, Aachen und Höx­ter an mir vor­über­zie­hen las­sen. Getan habe ich das wäh­rend mei­nes Stu­di­ums prak­tisch nie. Ich habe auch nie kapiert, warum Stu­den­ten diese Mög­lich­keit haben soll­ten. Man muss ja aus der eige­nen Stadt nie raus. Ich zumin­dest nicht.

Ver­gan­ge­nen Mon­tag bin ich dann aber doch mit der Bahn aus Müns­ter raus­ge­fah­ren. Ich fuhr nach Duis­burg und hatte dort ein Vor­stel­lungs­ge­spräch, das etwa fünf Minu­ten dau­erte. Danach stand ich wie­der unten auf der Straße — mit­ten in die­ser kaput­ten, down­ge­fil­ter­ten, ver­lo­re­nen Stadt, in mei­nem H&M-Kommunionsanzug und der Aktentaschen-Requisite in der Hand. Gegen­über der Haupt­bahn­hof. Es war erst 10.06 Uhr. Warum also nicht ein biss­chen mit der Eisen­bahn her­um­gon­deln und so tun als wäre man busy.

Da ich nichts zu lesen dabei hatte, und Bahn­fah­ren so noch absur­der ist, kaufte ich mir im Düs­sel­dor­fer Hbf. den Spie­gel und blät­terte her­nach lust­los darin herum. Mein Ziel war Aachen, weil ich dort schon ziem­lich lange nicht mehr gewe­sen war; kurz den Dom angu­cken. Ich hatte mal bei Die Deut­schen mit­be­kom­men, dass dort der Thron Karls des Gro­ßen steht, was ich irgend­wie sen­sa­tio­nell fand. Ein biss­chen würde ich an die­sem Tag selbst wie Karl der Große sein — unab­läs­sig rei­send. Um den Thron zu sehen, hätte man aber eine Füh­rung machen müs­sen, daher fuhr ich nach Bonn. Da war ich noch län­ger nicht gewe­sen als in Aachen.

Mit Bahn­fah­ren und den Pau­sen dazwi­schen kann man Zeit im wahrs­ten Sinne des Wor­tes tot-schlagen. Als ich von Bonn aus wie­der nach MS auf­brach, war es Abend. Wohin die letz­ten acht Stun­den ver­schwun­den waren, keine Ahnung. Großartig.

Ich bin des­halb etwas weh­mü­tig. Hätte ich die­ses Semes­ter­ti­cket doch häu­fi­ger benut­zen sol­len? Zumin­dest bie­ten stun­den­lange, ziel­lose Bahn­fahr­ten fernab von Google und die­sem schlim­men Inter­net zumin­dest das Poten­zial, sich mal wie­der einen Gedan­ken zu machen. Das wäre ja schon ein irrer Erfolg. Nunja, bald ist mir auch diese Mög­lich­keit genommen.

Zwei­tens bin ich seit eini­ger Zeit sehr anfäl­lig für so eine Art Natur­ro­man­tik. Immer wenn ich mei­nen einmal-im-Jahr-Waldspaziergang mache, geht mir das Herz auf. Diese Düfte, diese Far­ben, die­ses Licht. Ach. Ich würde fast soweit gehen und sagen: Im Wald emp­finde ich etwas. Das unge­fähr könn­ten diese „Emo­tio­nen“ sein, von denen ich schon so viel gehört hatte (in Fil­men oder TV-Serien).

Wenn’s nach mir ginge, könn­ten wir alle wie­der nackt in den Wäl­dern leben und zuvor alle Errun­gen­schaf­ten der Moderne ersatz­los ver­nich­ten. Das wird sowieso irgend­wann pas­sie­ren, also warum nicht kon­se­quen­ter­weise jetzt gleich? Ich würde sofort damit anfan­gen, aber es müsste halt wirk­lich jeder mit­ma­chen. Ich bin doch kein Hippie.

* * *

Was haben meine bei­den (Kranken-)Geschichten nun mit Manuel Andrack zu tun?* Der posi­tio­niert sich ja seit län­ge­rem als Wan­der­papst und scheint das ernst zu mei­nen. Er schreibt Bücher und Repor­ta­gen über das Wan­dern. Ich kenne nicht viel von ihm, nur ein paar Texte in der Zeit, die ich aber nicht zuende gele­sen habe.

Jeden­falls ist Wan­der­papst Manuel Andrack auch ein Testi­mo­nial des nordrhein-westfälischen Nah­ver­kehrs. Seit 2010 geben sie die Mar­ke­ting­bro­schüre Wun­der­bar wan­der­bar her­aus. Die Idee: Andrack wählt Wan­der­wege in NRW aus, deren Start– und Ziel­punkte durch den ÖPNV erschlos­sen sind. Die Rou­ten wer­den von ihm detail­liert beschrie­ben und bewertet.

Sel­ten habe ich ein PR-Tool gese­hen, das so auf meine gegen­wär­ti­gen per­sön­li­chen Bedürf­nisse abge­stimmt ist. Einer­seits will ich noch­mal mit der Bahn fah­ren, bevor ich es dann nie wie­der tun werde. Ande­rer­seits will ich eins mit der Natur sein und wie ein Schrat durch die Wald­ein­sam­keit vaga­bun­die­ren. Wer weiß, viel­leicht mache ich das morgen.

Andracks Wan­der­füh­rer ist 2012 zum drit­ten Mal als Print­bro­schüre erschie­nen und auch als PDF down­load­bar. Ver­nünf­ti­ges Kar­ten­ma­te­rial fehlt aller­dings in dem Teil. Das kann man sich für jede der neun Tou­ren von der Web­site run­ter­la­den. Ach komm: Nach­fol­gend alle Links zu allen Wan­der­stre­cken, man ist ja service-orientiert.

Aus­gabe 2012 (pdf)

  1. Rhein­land: Auf dem Rhein­steig von Nie­der­dol­len­dorf nach Rhön­dorf (Karte)
  2. Hoch­sau­er­land: Auf dem Rot­haar­steig rund um Bri­lon (Karte)
  3. Ruhr­ge­biet: Am Lago Mag­giore des Ruhr­ge­biets (Karte)
  4. Nie­der­rhein: Auf dem Klom­pen­weg von Wesel nach Hünxe (Karte)
  5. Teu­to­bur­ger Wald: Auf den Klip­pen der Weser nach Höx­ter (Karte)
  6. Siegerland-Wittgenstein: Auf dem Kin­dels­berg­pfad im Sie­ger­land (Karte)
  7. Eifel: In der Rur­ei­fel von Heim­bach nach Blens (Karte)
  8. Teu­to­bur­ger Wald: Auf dem Grat des Teu­to­bur­ger Walds (Karte)
  9. Müns­ter­land: In der Hohen Mark von Maria Veen nach Reken (Karte)

Aus­gabe 2011 (pdf)

  1. Mär­ki­sches Sau­er­land: Auf der Sauerland-Waldroute rund um Iser­lohn (Karte)
  2. Teu­to­bur­ger Wald: Auf dem Egge­weg von San­de­beck nach Alten­be­ken (Karte)
  3. Teu­to­bur­ger Wald: Auf dem Wit­te­kinds­weg (Karte)
  4. Müns­ter­land: Teck­len­bur­ger Tour (Karte)
  5. Nie­der­rhein: Auf dem Prinz-Moritz-Weg und dem Voltaire-Weg (Karte)
  6. Eifel: An der Rur zwi­schen Aben­den und Heim­bach (Karte)
  7. Sieg­tal: Auf dem Natur­steig Sieg von Eitorf-Merten nach Hen­nef (Karte)
  8. Ber­gi­sches Land: An der Wup­per von Solingen-Schaberg nach Rüden (Karte)
  9. Siegerland-Wittgenstein: Auf dem Witt­gen­stei­ner Schie­fer­pfad bei Bad Ber­le­burg (Karte)

Aus­gabe 2010 (pdf)

  1. Kreuzau-Obermaubach: Rund­kurs zu den Eifel­fel­sen (Karte)
  2. Ber­gisch Gladbach-Bensberg: Neue Pfade rund um Köln (Karte)
  3. Lennestadt-Meggen: Schöne Aus­sich­ten über das Sau­er­land (Karte)
  4. Duisburg-Entenfang: Erho­lung nah am Was­ser (Karte)
  5. Hagen: An der Schwelle vom Ruhr­ge­biet zum Sau­er­land (Karte)
  6. Wil­le­ba­dessen: Unter­wegs zum „Klei­nen Herr­gott“ im Egge­ge­birge (Karte)
  7. Wesel: Char­man­ter Nie­der­rhein (Karte)
  8. Ost­be­vern: Auf den Spu­ren der Pil­ger (Karte)
  9. Halle: Aus­sichts­rei­che Grat­wan­de­rung im Teu­to­bur­ger Wald (Karte)

*) Der Arti­kel fing mal anders an; eben mit der Erwäh­nung Manuel Andracks. Daher hier diese Frage.