
Weil es Tage gibt, an denen die Stimmen in meinem Kopf mir einreden wollen, ich sei ein Künstler (ich bloggte), tue ich manchmal sehr affektierte Dinge, von denen ich mir vorstelle, dass sie sonst nur echte Künstler tun. Zum Beispiel habe ich mir mal ein Moleskine gekauft. Das ist ein kleines, überteuertes Notizbuch speziell für Hipster und sogenannte Kreative. Nunja, der Kauf selbst war möglicherweise noch nicht so arty, es hätte ja ein Geschenk für jmd. anders sein können. Aber in der Öffentlichkeit mit seinem Moleskine herumlaufen und sich demonstrativ Notizen machen, das hat schon eine andere Qualität.
So geschehen in der Super-Künstlerhauptstadt New York, in der ich 2010 ein paar einsame Septembertage verbrachte. Ich hatte mal irgendwo von Menschen gehört oder gelesen, die ein Reisetagebuch führten, um ihre Eindrücke und Beobachtungen festzuhalten. Gute Idee, dachte ich, das passt doch zu einem Grübeltypen wir mir. Am Abend meiner Ankunft (15.9.) nahm ich also Notizbuch und Stift und Kamera und ließ alle übrigen Habseligkeiten im Hostel und lief ein bisschen durch Midtown Manhattan, um meine Eindrücke und Beobachtungen festzuhalten. Ich ging die Central Park W. runter zum Columbus Sq., dann die 59te entlang zur Fifth, dann downtown und kam dann irgendwie zum Times Sq. Es folgen Notizbuch-Auszüge.
Unglaublich nett (Rockefeller Ctr.)
Dass im H&M Flagship Store die gleichen Sachen verkauft werden wie z.B. in Rheine macht die Stadt unglaublich sympathisch
Am Rockefeller Center darf man nicht herumstehen, wegen Dreharbeiten (…) Typ mit MacBook Pro kontrolliert Fotoshooting
13,75 für Zigaretten und ne Cola
Ich konnte an fotografierenden Asiaten das Chrysler Building orten
Viele Fenster im Empire State Building dunkel
Hier kommen sie noch in Duckhaltung aus den Sexshops
Times Square: Was überrascht ist die frische Luft in New York (…)
Eine rote Treppe haben sie aufgebaut wo man die Werbung genießen kann
Ganz schön kommerziell geworden dieser TS
An den Folgetagen brechen meine Aufzeichnungen jäh ab, zu umständlich mit der Umhängetasche und generell sehr lästig, dieses Notieren. Besondere Geistesblitze schienen dabei ganz offensichtlich auch nicht rumzukommen. Im MoMa habe ich mir drei Tage später den Namen Dorothea Lange notiert. Darunter folgen Fahrplandaten. Ein Notizbuch ist auf Reisen tatsächlich praktisch, vor allem wenn man zwar Internet aber keinen Drucker hat. Hm, jetzt wird’s sehr banal. Genauso gut könnte ich sagen: Boah, dieses Schreiben mit Stift auf Papier, habt ihr das mal ausprobiert? Megageil!
In der Falttasche hinten im Notizbuch steckt noch die Rechnung aus dem Apple Store. Anfang des Monats waren neue iPods rausgekommen, deshalb herrschte in dem Kellerloch an der Fifth Avenue allgemeiner Konsumzombi-Auftrieb. Ich habe mich davon anstecken lassen und mir einen iPod shuffle geholt. 53,35 Dollar, damals ca. 41 Euro. Neben ein paar iTunes-Einkäufen ist das übrigens das einzige Geld, das ich Steve Jobs jemals gegeben habe. Es war aber ein guter Kauf, may God have mercy upon his soul.
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Auf einer Seite in meinem Notizbuch habe ich zeitweise seltsame Begriffe gesammelt. Fachtermini und Buzzwords, die von Menschen aus meinem Studium, bei Praktika oder sonstwo wie selbstverständlich verwendet wurden. Ich wollte die Begriffe ursprünglich auswendig lernen, um sie im unwahrscheinlichen Bedarfsfall schnell abrufen zu können. Bei ein paar Begriffen hat das sogar geklappt, bei anderen weiß ich bis heute nicht, was sie bedeuten. Hier die vollständige Liste:
Exlibris, Unort, Schenkökonomie, meritorische Güter, Raumkapital, Peitschenleuchte, auskiesen, Stoffstrommanagement, hidden champions, Substituierung, Verkehrswert, Liegenschaft, Lebenslanges Lernen, Patentintensität, Flächenrecycling, Inwertsetzung, Inklusion, Digitale Dividende, Kommodifizierung, konzise, Aplomb, Wüstenfestung Tobruk
Am besten gefällt mir „Patentintsensität“, ein Vergleichswert für die Innovationskraft von Gebietseinheiten. „Unort“ ist auch großartig, ein Begriff der ernsthaft in Disziplinen wie Städtebau oder Geographie verwendet wird. Zum Buzzword „Raumkapital“ hatte ich mal kurzzeitig überlegt, meine Diplomarbeit zu schreiben. Weil das hip und fresh war. Das wäre relativ schlimm geworden. Das Wort wird, glaube ich, weltweit nur von einer Institution bzw. einem Menschen in dieser Institution verwendet, der sich das Wort irgendwann ausgedacht hat. Ich habe leider vergessen, was es bedeuten soll. Nun gut.
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Sonst steht im Notizbuch nur Blödsinn. Irgendwelche irren Einkaufslisten oder Todo-Listen mit dem Eintrag „Pfandflaschen wegbringen“. Könnte ja sein, dass ich übersehe, dass ich gerade in einem Plastikozean aus PET-Flaschen untergehe.
Oft simuliert man ja auch nur, dass man sich Notizen macht, bei Meetings im Job oder Studium oder so. Damit man nicht völlig apathisch dabei sitzt. Man weiß, dass man sich das Gekritzel nie, niemals wieder angucken wird, und wenn, würde man es nicht verstehen. Dieser Schrott füllt die allermeisten Seiten. In letzter Zeit tendiere ich anscheinend dazu, mir Zitate aufzuschreiben, die ich für auf den Punkt gebracht halte. Es gibt bis jetzt zwei. Eins aus Prechts Wer bin ich — und wenn ja wie viele?: „Im Leben erhält alles seinen Wert durch den Kontrast.“ Und ein Zitat aus einem Zeitmagazin–Porträt über Dustin Hoffman: „Er schickt ein lautes Lachen hinterher, er will sichergehen, dass man den Satz als Pointe versteht.“
Ich muss zugeben, mein Moleskine war sein Geld absolut wert. HAHAHA.