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EDV-gestützte Selbstgespräche

Sternstunden der Menschheit

Zu den gro­ßen ver­kann­ten Genies unse­rer Zeit gehört der Typ, der im Labor unter der Coca-Cola Com­pany haust. Die einen glaub­ten lange, er sei irre, andere ver­lach­ten ihn nur. Aber eines Tages kam er nach oben, nass­ge­schwitzt, asch­fahl, aus­ge­mer­gelt, und er ver­schlug der Welt den Atem. Er hatte solange Was­ser mit Insek­ti­zi­den, ätzen­den Säu­ren und ande­ren mys­ti­schen Sub­stan­zen ver­rührt, bis am Ende Coke Zero in den Rund­kol­ben tropfte. Was für ein Elexier hat die­ser Alche­mist, die­ser Hexen­meis­ter ent­deckt! Ein Gebräu, das Nähr­werte wie klars­tes Berg­quell­was­ser auf­weist, und den­noch genieß­bar ist. Mein Gott. An die­sem Tag hat der Mensch die Natur ein­mal mehr in ihre Schran­ken verwiesen.

Ist ein bes­se­res Pro­dukt als Coke Zero denk­bar? Was könnte bes­ser sein als ein grob an Cola erin­nern­des Getränk, das 0 Kalo­rien, 0 % Zucker, 0 % Fett, 0 % gesät­tigte Fett­säu­ren und 1 % Natrium enthält?

Die Ant­wort lau­tet: Null-Zucker-Cola, die in mit „ja!“ eti­ket­tierte Fla­schen gefüllt und zu einem Preis ver­tickt wird, der einem die Scha­mes­röte ins Gesicht treibt. Ich traute mei­nen Augen nicht, als ich die Teile bei Rewe ent­deckt habe. Ganz unten, gut ver­steckt im Regal, reser­viert für den anspruchs­vol­len, preis­be­wuss­ten, infor­mier­ten, pre­kär leben­den Kon­su­mis­ten von heute. Für mich.

78 Cent für 2 x 1,5 Liter ja! Cola null Zucker ergibt einen Liter­preis von 26 Cent. Das ist doch eine schöne Sache. Das äqui­va­lente Coca-Cola-Produkt kos­tet das Drei– bis Vierfache.

Aber stell Dir vor, Du bringst das beste Pro­dukt der Welt zum Selbst­kos­ten­preis auf den Markt, und kei­ner kapiert es. Das scheint Rewe mit die­ser Cola pas­siert zu sein, wenn ich das jüngste Label-Redesign rich­tig deute. Nun düf­ten letzte Unklar­hei­ten aus­ge­räumt sein…

Die weiteren Aussichten

Wer guckt sich schon die Wet­ter­vor­her­sage im Fern­se­hen an? Das ist ja wohl nur Ober­flä­che! Ich will Details, ich will Zusam­men­hänge, ich will die ganze Härte, und die bekomme ich nur direkt vom DWD. Hier die Vor­her­sage bis Don­ners­tag zum Anhö­ren
(Text hier, © Deut­scher Wetterdienst)

Viel­leicht mache ich da einen täg­li­chen Pod­cast draus.

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Spaziergänge im Osten
Teil 1: Deutschland

Ende März hos­pi­tierte ich bei einem selt­sa­men Expe­ri­ment: Wie lange würde man mit einem roten Nis­san Micra, der in meine Hosen­ta­sche passt, unauf­hör­lich gen Osten fah­ren kön­nen? Her­aus­ge­kom­men ist eine Grand Tour durch Deutsch­land, Polen und die Ukraine. Ein paar wirre Reisenotizen.

Dieses erste Kapi­tel betrach­tet den deut­schen Stre­cken­ab­schnitt mit den Sta­tio­nen Göt­tin­gen, Leip­zig, Dres­den und Gör­litz. Ich will aller­dings gleich vor­aus­schi­cken, dass es mög­li­cher­weise dabei bleibt. Meine Schreib­blo­ckade ver­läuft der­zeit uner­hört qual­voll. Jeder Ver­such eines Gedan­kens fühlt sich an, als wenn ein glü­hen­des Schwert durch mei­nen Schä­del gesto­ßen wird. Jedes getippte Wort ver­ur­sacht beim erneu­ten Lesen aku­tes Mise­rere. Diese ange­strengt gestelzte, reak­tio­näre Spra­che, wen soll das bitte von was über­zeu­gen? Und diese Ego­ma­nie! Wozu? Wenn ich drü­ber nach­denke, kommt mir das alles in der Tat sinn­los und ekel­er­re­gend vor. Aber ich will nicht jam­mern. Es muss ja sein. Wir gucken mal, wie weit wir kom­men. Wei­ter­le­sen »

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Die Spezies

Ich wollte frü­her immer einen kran­ken Igel durch den Win­ter brin­gen. Es gab zwar nie einen, aber ich war bes­tens vor­be­rei­tet. Im Tier­freund holte ich mir das zoo­lo­gi­sche Exper­ten­wis­sen. Dort erschie­nen regel­mä­ßig aus­führ­li­che Anlei­tun­gen, was man bei der Igel-Rettung alles beach­ten und wel­che stren­gen Vor­aus­set­zun­gen ein Igel-Winterquartier erfül­len muss.

Kom­men wir zu einem ande­ren Thema: Zur­zeit ist in Müns­ter der Wohn­raum wohl knapp, wie man hört. Also haben sich die Stadt, die Uni usw. zusam­men­ge­tan, um in die­ser Not den Schwächs­ten in der Stadt­ge­sell­schaft, den Stu­den­ten, bei­zu­ste­hen. Sie haben eine Kam­pa­gne gelauncht. Ange­spro­chen sind alle Bür­ger, „die in Müns­ter und Umge­bung noch ein Plätz­chen frei haben“ (muenster.de).

Was bedeu­tet das eigent­lich, Wohn­raum an Stu­den­ten zu ver­mie­ten? Was muss man hier alles beach­ten? Wel­che spe­zi­el­len Vor­aus­set­zun­gen muss die­ser Wohn­raum erfül­len? Hier hilft die Kampagnen-Website dem ver­un­si­cher­ten Laien wei­ter, indem sie Aus­kunft über die art­ge­rechte Hal­tung von Stu­den­ten gibt:

Das alte Kin­der­zim­mer eig­net sich unter Umstän­den her­vor­ra­gend für Stu­die­rende. Sie soll­ten jedoch dar­auf ach­ten, dass aus­rei­chend für die Pri­vat­sphäre der Stu­die­ren­den gesorgt ist. Ein Schlüs­sel für das Zim­mer sollte auf jeden Fall vor­han­den sein, eine eigene Wasch­ge­le­gen­heit oder ein zusätz­li­ches Bad macht die Lage noch bes­ser. Leer­räu­men müs­sen Sie das Zim­mer auch nicht unbe­dingt: Viele Stu­die­rende freuen sich, wenn schon ein paar Möbel da sind und mie­ten diese gerne mit.

Auch das Dach­ge­schoss eines Hau­ses bleibt oft völ­lig unge­nutzt oder dient bloß als Abstell­flä­che für alte Möbel. Dabei eig­nen sich auch Dach­bö­den gut als Stu­die­ren­den­zim­mer, weil sie vom Rest der Woh­nung getrennt sind.

Dem kann ich mich nur anschlie­ßen: Müns­te­ra­ner! Helft die­sen pos­sier­li­chen, klei­nen Gesel­len. Legt eure Hei­zungs­kel­ler mit Zei­tungs­pa­pier aus. Sichert eure Lüf­tungs­schächte ab. Rich­tet Obst­kis­ten wohn­lich ein und stellt Nist­hil­fen in eure Gär­ten. Gebt die­sen bedroh­ten Säu­gern ein Heim. Helft Studenten!

Bild: Wiki­me­dia Commons/public domain

Der Knall, die Stille und das Chaos


Direkt-Video

Bos­ton Mara­thon, Ziel­ein­lauf an der Boyls­ton Street, vor gut drei Stun­den. Das unwirk­li­che Video wurde auf­ge­nom­men von Steve Silva, Sport­re­por­ter des Bos­ton Globe.

Friedman/Schlingensief

Ach, ist das auch schon wie­der zehn Jahre her, diese legen­däre Aus­gabe von Durch die Nacht mit… vom Januar 2003? Michel Fried­man zeigt Chris­toph Schlin­gen­sief sein Frank­furt. Die Folge ent­stand wäh­rend der Antisemitismus-Debatte um Möl­le­mann, in die die bei­den auf unter­schied­li­che Wei­sen invol­viert waren. Ein schö­nes Doku­ment der Zeitgeschichte.

Man geht zum Ita­lie­ner, trifft sich aus irgend­ei­nem Grund mit Han­ne­lore Els­ner, guckt sich Kunst von Damien Hirst an, dis­ku­tiert und schreit sich an. Es ist alles ein biss­chen wie in einem expres­sio­nis­ti­schen Gemälde. Und irgend­wie wie der Blick in eine ver­gan­gene Epo­che. Fried­man bekam ein paar Monate spä­ter ein Pro­blem mit sze­ne­ty­pi­schen Päck­chen. Schlin­gen­sief erlag 2010 dem Krebs.

Eurobubble70 über­treibt nicht, wenn sie oder er auf Youtube kommentiert:

mei­ner Mei­nung nach DER Fernseh-Klassiker der letz­ten ~20 Jahre, 2 Figu­ren die man ein­fach nicht erfin­den kann.

Sehr rich­tig. Wenn das jemand kom­plett tran­skri­bie­ren und 1:1 in die Thea­ter brin­gen würde — ich würde hingehen.


Direkt-Link

Mein Facebook-Profilfoto.
Bildanalyse und kritische Würdigung

Das Selbst­por­trät mit der Bild­un­ter­schrift „Steinzeit-Diät, Tag 47″ (960 × 540 Pixel, JPEG, 40 KB) wurde am Nach­mit­tag des 16. Februar 2013, einem Sams­tag, mit einer Web­cam der Marke Micro­soft im 16:9-Format auf­ge­nom­men. Einige Minu­ten spä­ter wurde das Foto im sozia­len Netz­werk Face­book ver­öf­fent­licht. Seit­dem illus­triert es in ver­klei­ner­ter, beschnit­te­ner, qua­dra­ti­scher Aus­füh­rung („Thumbnail“) das Facebook-Profil des Ver­fas­sers die­ser Bild­be­spre­chung. Es wurde drei­mal kom­men­tiert und ein­mal geli­ked. Damit gehört es zu den meist­be­ach­te­ten Bei­trä­gen des Ver­fas­sers auf Facebook.

In Ori­gi­nal­größe zeigt das Bild­nis den Ver­fas­ser ober­halb der Brust, nur ein wenig rechts von der hori­zon­ta­len Bild­mitte sit­zend, vor der Küchen­zeile sei­ner kärg­li­chen Woh­nung. Im Hin­ter­grund wird der Betrach­ter zudem einer Tür mit Gla­s­ein­satz gewahr, die zu einem hell erleuch­te­ten Raum, einem Flur­raum, führt. Aber blei­ben wir zunächst im ers­ten Raum, der sich für eine nach­mit­täg­li­che Szene erstaun­lich düs­ter aus­nimmt. Nur ein Wand­vor­sprung (zur Lin­ken) und der Abge­bil­dete selbst sind in ein wei­ches, weiß­li­ches Licht getaucht. Es ist das Licht eines wol­ken­ver­han­ge­nen Febru­ar­tags, das durch ein gro­ßes Nord­fens­ter fällt.

Das rem­brandt­sche Hell­dun­kel ver­leiht dem Raum eine Tiefe, die bereits durch die Schräg-Perspektive auf die Küchen­zeile linear begrün­det wird. Die Hel­lig­keit lässt den Betrach­ter auf den Por­trä­tier­ten fokus­sie­ren, wäh­rend inter­es­sante Details im Hin­ter­grund erst auf den zwei­ten und drit­ten Blick offen­kun­dig wer­den. Neben einer Tee­kanne fällt ins­be­son­dere eine Viel­zahl an Früch­ten ins Auge, die in Beu­teln an einer Auf­hän­gung bau­meln. Es sind Äpfel und Oran­gen. Sie haben nicht zuletzt kom­po­si­to­risch eine tra­gende Funk­tion, spie­geln sie doch mit ihrem schwa­chen Leuch­ten das Leuch­ten hin­ter der Türe zum Flur wider. Die Früchte sor­gen als Far­bin­seln für dezente Dyna­mik im Kolo­rit, gleich­zei­tig sta­bi­li­sie­ren sie das Tableau. Wir erken­nen des Wei­te­ren eine Dres­sing­fla­sche sowie eine Tee­schach­tel sche­men­haft aus dem Dun­kel hervorscheinen.

Ein­ge­denk des Bild­ti­tels muss dem Betrach­ter klar wer­den, dass all diese Gegen­stände mit größ­ter Sorg­falt aus­ge­wählt und vir­tuos in Szene gesetzt wur­den. Moti­visch steht das Pro­fil­bild in der Tra­di­tion der Por­trät­ma­le­rei des Früh­ba­rock. Tee­kanne, Tee­schach­tel, Oran­gen, Äpfel, Salat­dres­sing — es sind iko­no­gra­phi­sche Attri­bute; Insi­gnien einer gesun­den Ernäh­rung. Die Aus­sage: Hier hat einer mit einem Leben in sün­di­ger Völ­le­rei abgeschlossen.

So sehr uns auch der Bild­ti­tel beim Deu­ten schein­ba­rer Klei­nig­kei­ten wei­ter­hilft, so sehr gibt er uns bei der Betrach­tung des Haupt­ge­gen­stan­des Rät­sel auf. „Steinzeit-Diät, Tag 47″: In pro­to­kol­la­ri­schem Stil wird auf eine Diät ver­wie­sen, die der Abge­bil­dete wohl seit meh­re­ren Wochen prak­ti­ziert. Was mag ihn dazu bewo­gen haben, diese Nach­richt gerade mit die­sem Gesichts­aus­druck zu bebildern?

Sein Ant­litz ist uns fast fron­tal zuge­wen­det. Wir betrach­ten einen auf­recht Sit­zen­den, des­sen Rumpf im Ver­hält­nis zum Kopf ein wenig nach rechts gewen­det ist. Der linke Arm ist mit aus­la­den­der Geste abge­stützt, wie man es von man­chen Nach­rich­ten­spre­chern kennt. Der offene Hemd­kra­gen unter blauem, kon­ven­tio­nel­lem Gewand spreizt sich weit aus­ein­an­der. Ver­we­gen­heit, Span­nung, Dyna­mik gehen aus der Pose her­vor. Ent­spannt wir­ken hin­ge­gen die blei­chen, asym­me­tri­schen Gesichts­züge. Die gro­ßen Augen bli­cken ruhig, fast leer, die Mimik scheint ernst, doch ansons­ten nicht klar deut­bar. Das Haar, das vom Dun­kel des Hin­ter­grunds nur schwer abge­grenzt wer­den kann, liegt unge­wohnt streng geschei­telt. Dunkle Augen­ringe legen beredt Zeug­nis davon ab, dass diese Auf­nahme nach einer durch­wach­ten Nacht ent­stan­den sein mag.

Was spricht aus die­sem Gesicht und der auf­rech­ten Hal­tung des Por­trä­tier­ten? Ist es Stolz auf ein neu gewon­ne­nes, wenn auch dif­fu­ses Gefühl ver­meint­li­cher Attrak­ti­vi­tät? Ist es tiefe Trauer — etwa über den Umstand, dass über­haupt eine Diät unaus­weich­lich gewor­den war? Spricht aus der Mimik gar kör­per­li­ches oder see­li­sches Leid, das aus der Man­gel­er­näh­rung einer Stein­zeit­diät not­wen­dig fol­gen muss? Ist es ein stum­mer Schrei um Hilfe, nach Liebe? Doku­men­tiert das Foto puren Nar­ziss­mus, einen Ner­ven­zu­sam­men­bruch, eine mani­sche Epi­sode oder ein­fach den Ver­such, das neu­tralst­mög­li­che Gesicht für Face­book zu gri­mas­sie­ren? Womög­lich wird die For­schung die­ses Mys­te­rium nie­mals ergründen.

Was man weiß: Wie bei der Hin­ter­grund­ge­stal­tung wurde nichts dem Zufall über­las­sen. Das blü­ten­weiße Hemd kom­mu­ni­ziert mit dem hel­len Wand­vor­sprung, um die Gesamt­kom­po­si­tion auch hier zu fes­ti­gen. Das natür­li­che, kalte Licht gibt Gesichts­form und Ala­bas­ter­haut über­prä­size wie­der. Setzt man das Foto in Bezie­hung zu frü­he­ren Pro­fil­bil­dern auf Face­book, fällt auf, dass die­ser (durch­aus mutige) Hyper­rea­lis­mus neu ist. For­mal ist das Werk vor­ran­gig durch die Pop Art beein­flusst. Schon die Wahl des 16:9-Querformats deu­tet auf einen Bruch mit her­ge­brach­ten Por­trät­schu­len hin; offen­bar sol­len Asso­zia­tio­nen zum Popu­lär­me­dium Film getrig­gert wer­den. Das Bild­nis könnte der Ein­zel­f­rame eines öffentlich-rechtlichen Fern­seh­spiels sein, ent­nom­men aus einer Schnitt/Gegenschnitt-Sequenz der Kate­go­rie „Erns­tes Gespräch am Küchentisch“.

Viele Betrach­ter haben auf die Ver­öf­fent­li­chung des Facebook-Profilbildes mit Sprach­lo­sig­keit rea­giert. Das ist ange­sichts der Kom­ple­xi­tät, die dem Werk inne­wohnt, ver­ständ­lich und klug. Die­ses Por­trät­foto ist ein Uni­ver­sum für sich, das kei­ner­lei erläu­tern­der Worte bedarf.

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Nach all den Jahren


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Wer zufäl­lig mal eine Folge der Lin­den­straße sehen möchte, die nicht enorm suckt, kann sich mal die obige Folge Nr. 1417 angu­cken. In  Alles ist anders vom letz­ten Sonn­tag liegt wegen eines EHEC-Ausbruchs (man ist ja aktu­ell) unge­fähr der halbe Cast im Ster­ben. Da lacht mein schwa­ches Zuschauer-Herz, das so viel erdul­den musste.

Na klar, die Freude ist nicht unge­trübt. Die größ­ten dra­ma­tur­gi­schen Feh­ler: Es gibt einen anstren­gen­den Beimer-Ziegler-Nebenplot (was eine Tau­to­lo­gie ist); Sarah Zieg­ler hat zu viel Text und zu viele Sze­nen und wird zu oft gezeigt; Sarah Zieg­ler ist nicht der­je­nige Cha­rak­ter, der am Ende stirbt.

Man kann in die­ser Folge besich­ti­gen, wie red­lich sich die Macher im Rah­men ihrer allzu begrenz­ten Mög­lich­kei­ten bemü­hen, die Serie zu moder­ni­sie­ren. Pfif­fige Schnitte, crazy Ein­stel­lun­gen und neue Erzähl­stra­te­gien „aus Ame­rika“ fin­den ihren Weg in die 27 Jahre alte Klein­bür­ger­saga. Man­che Sze­nen­auf­lö­sun­gen sind 1:1 von For­ma­ten wie Lost pla­gi­iert inspi­riert. Ein Bei­spiel dafür gibt es gleich in der ers­ten Szene zu bewun­dern, wo erst am Ende klar wer­den soll, wer denn da eigent­lich liegt. Von Lost kommt womög­lich auch die Idee, das Geplap­per der Lin­den­sträß­ler von Zeit zu Zeit aus­zu­blen­den und minu­ten­lange Pop­klänge dar­über­zu­le­gen. Teil­weise wer­den seit ein paar Jah­ren sogar talen­tierte oder attrak­tive Schau­spie­ler enga­giert, die jedoch natur­ge­mäß nicht lange bleiben.

Die Erneue­rung schließt auch ein akti­ves Mar­ke­ting mit ein. Die Lin­den­straße ist auf Twit­ter und Face­book prä­sent, um den ero­die­ren­den Markt­an­tei­len irgend­was ent­ge­gen zu hal­ten. In einem offi­zi­el­len Youtube-Kanal wer­den „Highlight-Folgen“ wie diese hier ver­öf­fent­licht. Vor jeder Aus­strah­lung bal­lern Social-Media-Professionals Tweet-Salven raus wie „Jetzt ‚Bericht aus Ber­lin‘ — danach #Lin­den­strasse @DasErste @ARD_BaB“, „in 5 Minu­ten star­tet #Lin­den­strasse @DasErste @WDR“ und „Vor­spann läuft — #Lin­den­strasse ab @DasErste @WDR“. Noch span­nen­der ist die Facebook-Seite, auf der trans­pa­rent wird, mit was für Leu­ten man sich diese Serie so rein­zieht. Vie­len der Fans scheint die letzte Folge psy­chisch arg zuge­setzt zu haben. Das erfährt man bei der Lek­türe der Kom­men­tare. Ver­ständ­lich. Um es mit Judith P. zu sagen:

„Armer alex der tut mir so mega leit Ales ich hab mit dir geweint“

Mein Notizbuch

Weil es Tage gibt, an denen die Stim­men in mei­nem Kopf mir ein­re­den wol­len, ich sei ein Künst­ler (ich bloggte), tue ich manch­mal sehr affek­tierte Dinge, von denen ich mir vor­stelle, dass sie sonst nur echte Künst­ler tun. Zum Bei­spiel habe ich mir mal ein Mole­s­kine gekauft. Das ist ein klei­nes, über­teu­er­tes Notiz­buch spe­zi­ell für Hips­ter und soge­nannte Krea­tive. Nunja, der Kauf selbst war mög­li­cher­weise noch nicht so arty, es hätte ja ein Geschenk für jmd. anders sein kön­nen. Aber in der Öffent­lich­keit mit sei­nem Mole­s­kine her­um­lau­fen und sich demons­tra­tiv Noti­zen machen, das hat schon eine andere Qualität.

So gesche­hen in der Super-Künstlerhauptstadt New York, in der ich 2010 ein paar ein­same Sep­tem­ber­tage ver­brachte. Ich hatte mal irgendwo von Men­schen gehört oder gele­sen, die ein Rei­se­ta­ge­buch führ­ten, um ihre Ein­drü­cke und Beob­ach­tun­gen fest­zu­hal­ten. Gute Idee, dachte ich, das passt doch zu einem Grü­bel­ty­pen wir mir. Am Abend mei­ner Ankunft (15.9.) nahm ich also Notiz­buch und Stift und Kamera und ließ  alle übri­gen Hab­se­lig­kei­ten im Hos­tel und lief ein biss­chen durch Mid­town Man­hat­tan, um meine Ein­drü­cke und Beob­ach­tun­gen fest­zu­hal­ten. Ich ging die Cen­tral Park W. run­ter zum Colum­bus Sq., dann die 59te ent­lang zur Fifth, dann down­town und kam dann irgend­wie zum Times Sq. Es fol­gen Notizbuch-Auszüge.

Unglaub­lich nett (Rocke­fel­ler Ctr.)

Dass im H&M Flagship Store die glei­chen Sachen ver­kauft wer­den wie z.B. in Rheine macht die Stadt unglaub­lich sympathisch

Am Rocke­fel­ler Cen­ter darf man nicht her­um­ste­hen, wegen Dreh­ar­bei­ten (…) Typ mit Mac­Book Pro kon­trol­liert Fotoshooting

13,75 für Ziga­ret­ten und ne Cola

Ich konnte an foto­gra­fie­ren­den Asia­ten das Chrys­ler Buil­ding orten

Viele Fens­ter im Empire State Buil­ding dunkel

Hier kom­men sie noch in Duck­hal­tung aus den Sexshops

Times Square: Was über­rascht ist die fri­sche Luft in New York (…)

Eine rote Treppe haben sie auf­ge­baut wo man die Wer­bung genie­ßen kann

Ganz schön kom­mer­zi­ell gewor­den die­ser TS

An den Fol­ge­ta­gen bre­chen meine Auf­zeich­nun­gen jäh ab, zu umständ­lich mit der Umhän­ge­ta­sche und gene­rell sehr läs­tig, die­ses Notie­ren. Beson­dere Geis­tes­blitze schie­nen dabei ganz offen­sicht­lich auch nicht rum­zu­kom­men. Im MoMa habe ich mir drei Tage spä­ter den Namen Doro­thea Lange notiert. Dar­un­ter fol­gen Fahr­plan­da­ten. Ein Notiz­buch ist auf Rei­sen tat­säch­lich prak­tisch, vor allem wenn man zwar Inter­net aber kei­nen Dru­cker hat. Hm, jetzt wird’s sehr banal. Genauso gut könnte ich sagen: Boah, die­ses Schrei­ben mit Stift auf Papier, habt ihr das mal aus­pro­biert? Megageil!

In der Falt­ta­sche hin­ten im Notiz­buch steckt noch die Rech­nung aus dem Apple Store. Anfang des Monats waren neue iPods raus­ge­kom­men, des­halb herrschte in dem Kel­ler­loch an der Fifth Ave­nue all­ge­mei­ner Konsumzombi-Auftrieb. Ich habe mich davon anste­cken las­sen und mir einen iPod shuf­fle geholt. 53,35 Dol­lar, damals ca. 41 Euro. Neben ein paar iTunes-Einkäufen ist das übri­gens das ein­zige Geld, das ich Steve Jobs jemals gege­ben habe. Es war aber ein guter Kauf, may God have mercy upon his soul.

* * *

Auf einer Seite in mei­nem Notiz­buch habe ich zeit­weise selt­same Begriffe gesam­melt. Fach­ter­mini und Buz­zwords, die von Men­schen aus mei­nem Stu­dium, bei Prak­tika oder sonstwo wie selbst­ver­ständ­lich ver­wen­det wur­den. Ich wollte die Begriffe ursprüng­lich aus­wen­dig ler­nen, um sie im unwahr­schein­li­chen Bedarfs­fall schnell abru­fen zu kön­nen. Bei ein paar Begrif­fen hat das sogar geklappt, bei ande­ren weiß ich bis heute nicht, was sie bedeu­ten. Hier die voll­stän­dige Liste:

Exli­bris, Unort, Schen­köko­no­mie, meri­to­ri­sche Güter, Raum­ka­pi­tal, Peit­schen­leuchte, aus­kie­sen, Stoff­strom­ma­nage­ment, hid­den cham­pi­ons, Sub­sti­tu­ie­rung, Ver­kehrs­wert, Lie­gen­schaft, Lebens­lan­ges Ler­nen, Patentin­ten­si­tät, Flä­chen­re­cy­cling, Inwert­set­zung, Inklu­sion, Digi­tale Divi­dende, Kom­mo­di­fi­zie­rung, kon­zise, Aplomb, Wüs­ten­fes­tung Tobruk

Am bes­ten gefällt mir „Patentint­sen­si­tät“, ein Ver­gleichs­wert für die Inno­va­ti­ons­kraft von Gebiets­ein­hei­ten. „Unort“ ist auch groß­ar­tig, ein Begriff der ernst­haft in Dis­zi­pli­nen wie Städ­te­bau oder Geo­gra­phie ver­wen­det wird. Zum Buz­zword „Raum­ka­pi­tal“ hatte ich mal kurz­zei­tig über­legt, meine Diplom­ar­beit zu schrei­ben. Weil das hip und fresh war. Das wäre rela­tiv schlimm gewor­den. Das Wort wird, glaube ich, welt­weit nur von einer Insti­tu­tion bzw. einem Men­schen in die­ser Insti­tu­tion ver­wen­det, der sich das Wort irgend­wann aus­ge­dacht hat. Ich habe lei­der ver­ges­sen, was es bedeu­ten soll. Nun gut.

* * *

Sonst steht im Notiz­buch nur Blöd­sinn. Irgend­wel­che irren Ein­kaufs­lis­ten oder Todo-Listen mit dem Ein­trag „Pfand­fla­schen weg­brin­gen“. Könnte ja sein, dass ich über­sehe, dass ich gerade in einem Plas­ti­ko­zean aus PET-Flaschen untergehe.

Oft simu­liert man ja auch nur, dass man sich Noti­zen macht, bei Mee­tings im Job oder Stu­dium oder so. Damit man nicht völ­lig apa­thisch dabei sitzt. Man weiß, dass man sich das Gekrit­zel nie, nie­mals wie­der angu­cken wird, und wenn, würde man es nicht ver­ste­hen. Die­ser Schrott füllt die aller­meis­ten Sei­ten. In letz­ter Zeit ten­diere ich anschei­nend dazu, mir Zitate auf­zu­schrei­ben, die ich für auf den Punkt gebracht halte. Es gibt bis jetzt zwei. Eins aus Prechts Wer bin ich — und wenn ja wie viele?: „Im Leben erhält alles sei­nen Wert durch den Kon­trast.“ Und ein Zitat aus einem Zeit­ma­ga­zin–Por­trät über Dus­tin Hoff­man: „Er schickt ein lau­tes Lachen hin­ter­her, er will sicher­ge­hen, dass man den Satz als Pointe versteht.“

Ich muss zuge­ben, mein Mole­s­kine war sein Geld abso­lut wert. HAHAHA.

Gesammelte Tweets 2009–2013

Im Inter­netz, in den unend­li­chen Wei­ten des Cyber­space, auf die­sen Daten­au­to­bah­nen, wo Bits und Bytes ein­an­der um die Welt jagen, da gibt es einen sagen­um­wo­be­nen Ort. Einen Ort, der sogar die­ses Blog in punkto Gel­tungs­sucht, Auf­dring­lich­keit, Fremd­scham– und Bla­ma­ge­po­ten­zial weit in den Schat­ten stellt: Mein Twitter-Profil.

Twit­ter ermög­licht seit kur­zem den Komplett-Download der eige­nen Tweets. Das ist ein sen­sa­tio­nel­les Fea­ture. Vor­her war es unmög­lich, unter adäqua­tem Auf­wand Alt-Tweets wie­der­zu­ent­de­cken. Es funk­tio­niert so: Man for­dert in den Set­tings unten das Twit­ter archive an und schon erhält man per Mail eine kleine, hand­li­che, durch­such­bare Web­site in einem Zip-File. Was für ein net­tes Tage­buch der Jahre 2009 bis heute! Ich hab das mal hochgeladen.

Here you go.

Das noch­mal zu über­flie­gen ist natür­lich die abso­lute Hölle. Aber es war auch nicht alles schlecht. (Von die­ser Stelle an geht es wei­ter mit Selbst­be­weih­räu­che­rung.) Wei­ter­le­sen »