EDV-gestützte Selbstgespräche

Serie über Serie

Ich gehöre zu denen, die nach wie vor Lindenstraße gucken. Warum, soll und kann hier vorerst nicht erörtert werden (zu komplex, zu tragisch). Jedenfalls…

Michael Meisheit (@meisheit), einer der drei Serienautoren, ist auch Blogger. Seit gestern berichtet er ausführlich über seinen Einstieg bei der Lindenstraße vor 15 Jahren. Zu erwarten ist nicht weniger als eine dramatische Erzählung vom ewigen Widerstreit zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Die „Lindenstraße“ fand ich damals ziemlich doof. Überhaupt waren Serien nicht mein Ding. Für mich gab es – wie gesagt – nur Kinofilme. Und für jemanden, der sich von Martin Scorsese, David Lynch oder Quentin Tarantino ernährte, war auf Video gedrehtes Studio-Fernsehen, das in einem Münchner Mietshaus spielte, harte Kost.

Teil I: Der Produzent

Christoph Möllers

In einer ansonsten längt vergessenen Ära hatte ich mal Staatsorganisationsrecht bei Christoph Möllers. Die Vorlesung fand frühmorgens im Erdgeschoss des Philosophenturms in familiärer Atmosphäre statt. Ich hatte mich sogar einmal gemeldet und etwas gesagt, ohne verlacht zu werden, was Bände über seine didaktischen Fähigkeiten verrät. Und ich habe die Klausur mit befriedigend bestanden, wenn ich mich nicht täusche. Wer wählt den Bundespräsidenten und wer den Bundeskanzler? — auf diesem Niveau war Jura in Ordnung. Es war das erste Semester.

Mich hat Christoph Möllers immer ein bisschen an Michael J. Fox in der Serie Chaos City erinnert. Das lag vor allem an seiner Frisur, aber auch an dieser jugendlichen, adretten, dynamischen Michael-J.-Fox-Art. Er, Möllers, war damals gerade aus Amerika gekommen und erzählte Anekdoten aus dem Supreme Court. In Hamburg war er nur ein Semester zur Vertretung. Mittlerweile ist er Professor in Berlin, als Nachfolger von Bernhard Schlink („Der Vorleser“), wie Wikipedia weiß.

Manchmal begegnet mir Christoph Möllers als Experte in irgendwelchen Medien. Ich habe jetzt gelesen, dass er als „Leitfigur der jüngeren Staatsrechtslehrergeneration“ gilt und „einer der jungen Stars seines Fachs“ ist. Das freut mich für ihn. Womöglich wird er mal BVerfG-Präsident und damit der ungefähr mächtigste Mann in Deutschland. Diese Woche hat er ein ganzseitiges Interview im Zeit-Feuilleton mit Ijoma Mangold („Die Vorleser“). Auf dem Foto sieht er etwas fertig aus (wieder eine Parallele zu Michael J. Fox). Ich frage mich, was die Leute von der Zeit sich bei der Auswahl dieses Fotos gedacht haben. Vielleicht wirkte er auf sie tatsächlich etwas fertig.

Es geht um Demokratie und die Piraten. Von denen hält Möllers offenbar nicht allzu viel. Das Thema Internet trage nicht so weit wie z. B. das Ökologiethema der Grünen. Dafür hat er auch eine Begründung, die ich allerdings nicht ganz begriffen habe. Außerdem sollten politische Entscheidungen lieber innerhalb der bestehenden Strukturen gefällt werden, als gleich jedes Mal einen „eigenen Klub“ dafür zu gründen. Man hätte an der Stelle mal fragen können, was er zur Idee von Roman Herzog sagt, die 5-%-Hürde anzuheben, aber das wäre vielleicht zu konkret fürs Feuilleton gewesen.

Christoph Möllers selbst ist SPD-Mitglied. „Man versteht die Welt besser, wenn man irgendwo einen Ort hat, an dem man nicht nur auf seinesgleichen trifft.“  Was aber, wenn es nur Orte gibt, an denen man nicht auf seinesgleichen trifft? Das in etwa ist meine Situation und ich habe nicht das Gefühl, die Welt besonders gut zu verstehen. Wahrscheinlich braucht man einfach beides, wenn man das gerne möchte.

Ein paar Dinge, die ich im Interview zum ersten Mal gelesen habe:

  • Das Wort arkan
  • „Die Piraten fordern eine Stärkung der Unabhängigkeit des Bundesverfassungsgerichts“
  • „Selbstreferenzialität ist eine Form der Professionalisierung“
  • Colin Crouch

Und hier noch ein Porträt im Zeitmagazin über Christoph Möllers von 2011.

Update (18.5.): Das Interview gibt es nun auch online (ohne das Foto)

Wir Kinder vom Rewe

Klingt verrückt, aber ich kann jedem empfehlen, mal tagsüber zu Rewe zu gehen. Das ist so eine faszinierende Wunderwelt, in die es alle paar Wochen einzutauchen lohnt und die auch viel über unsere Gesellschaftsordnung verrät. Zum Beispiel gibt es da neuerdings diese 11-Jährigen, die an der Kasse rumstehen und jeden Kunden um Fußballsammelkarten anbetteln. Fußballsammelkarten! Die haben die Attitüde von Profi-Bettlern komplett verinnerlicht (selbstbewusstes Auftreten, übertrieben freundliche Gruß– und Dankesformeln usw.). Die machen das anscheinend stundenlang. Die sehen das klaffende Missverhältnis von Aufwand und Nutzen gar nicht. Ich glaube, das nennt man intrinsische Motivation. Was lehrt einen diese verstörende Beobachtung? Was verrät sie über unsere Gesellschaftsordnung, unseren Zeitgeist? Ich weiß es nicht.

Es gab aber eine Zeit, da habe ich auch professionell geschnorrt. 1994. Jeden Tag nach der Grundschule sind wir, kann ich mich erinnern, zur Apotheke geradelt und haben Traubenzucker-Bonbons erbettelt. Insofern hinkt der Vergleich zu den Rewe-Kindern ein bisschen: Unsere Bonbons hatten tatsächlich einen minimalen Wert. Aber es ist schon ein ähnlicher Grad von Erbärmlichkeit, muss man in der Rückschau leider sagen. Ist das eventuell normal, durchlebt jedes Kind eine Phase schmerzbefreiter Bettelei? Irgendwann hat uns der Apotheker jedenfalls einen ganzen Sack voll Traubenzucker gegeben, damit Ruhe war. Das hatte geholfen.

Folgendes geträumt

Aus irgendeinem Grund bekomme ich die Gelegenheit, Willy Brandt zu interviewen. Im Traum wird es so hingestellt, als sei das das Allergrößte. Es wurde schon alles geregelt: Er kommt mit seinen wichtigsten Leuten in wenigen Minuten zu mir in die Wohnung, die bereits für diesen Zweck hergerichtet ist. Auch ansonsten ist alles vorbereitet, bis auf eine Sache. Die Interview-Fragen müssen nämlich noch ausgedruckt werden. Laut meiner Traumerinnerung hatte ich diese bereits vor Wochen abgespeichert, aber dann nie wieder hineingeschaut. Keine der Fragen habe ich mir auch nur ansatzweise gemerkt. Der Traum endet dahingehend, dass die Datei nicht mehr auffindbar ist und Willy Brandt in jeder Sekunde an der Tür klingeln wird.

Selten bin ich derart schweißgebadet aufgewacht.

Le blogue est arrivé

In die Richtung soll es ungefähr gehen.